Reggiani rast, dortmund rüttelt: der umbruch trägt jetzt ein italienisches gesicht
Luca Reggiani schlug sich die Hände vors Gesicht, als hätte er gerade ein Geheimnis enthüllt. Dabei war es nur ein Kopfball – aber einer, der Borussia Dortmunds Zukunft einläutet.
18 Jahre, 64 Tage. Mit seinem Tor zum 2:0 gegen Augsburg wurde der Italiener am Samstag zum jüngsten italienischen Bundesliga-Torschützen aller Zeiten. Doch die Zahl ist nur das sichtbare Symbol eines Umbruchs, der längst in den Katakomben von Signal Iduna Park begann.
Kehl nennt es „signal nach innen“ – intern heißt es: weg mit den alten
Sebastian Kehl stand nach dem Spiel vor dem Mixed-Zone-Mikrofon und sprach von „reiner Freude“. Was er nicht sagte: Die Freude ist auch ein Schulterschluss mit der harten Realität. Julian Brandt, Niklas Süle, Salih Özcan – raus. Felix Nmecha, Nico Schlotterbeck – bleiben. Und drumherem eine Horde U19-Spieler, die plötzlich im Scheinwerferlicht stehen.
Reggiani war vor drei Wochen noch Captain der U19. Jetzt teilt er sich die Kabine mit Emre Can. „Er hat mir gesagt: ‚Ciao, kleiner Kumpel – lass die Krapfen da, die holst du nach dem Training‘“, lacht der Defensivspieler und greift sich an den Kopf. Die Krapfen-Story ist kein Gag. Trainer Niko Kovac hatte versprochen: Wer trifft, bezahlt. Reggiani lieferte, Kovac schickte die Praktikantin zum Bäcker. 60 Stück. Zucker pur.
Die Leiharbeit der letzten Wochen hat Spuren hinterlassen. Reggianis Oberschenkel sind volle 2,5 Zentimeter im Umfang gewachsen, das Messgerät der Fitnessabteilung speicherte es. „Kraft ist gut, aber Kopf ist besser“, sagt Co-Trainer Sven Bender. Er sollte es wissen. Auch er kam mit 18 aus der zweiten Mannschaft – und wurde Legende.

Die champions-league-saison, die keiner feiert
58 Punkte nach 26 Spielen. Mehr als in der gesamten Vorsaison. Und trotzdem nur die tröstliche Rede vom „Mindestens Zweiter“. Aus dem Pokal gegen Elversberg, aus der Champions League gegen Lens. Das ist die Bilanz, die Kehl nachts wach werden lässt. „Wir haben erkannt, dass teure Reparaturen nicht funktionieren“, sagt Geschäftsführer Lars Ricken. „Jetzt schrauben wir am Motor, während er läuft.“
Die Entscheidung reifte nach dem 0:3 in Paris. Nicht wegen des Ergebnisses, sondern wegen der Reaktion. Kehl sah Spieler, die sich in der Kabine in die iPhones vertieften. Reggiani saß in der U19, schaute die Übertragung im Teambus zur Hallen-WM in Barsinghausen und schrieb anschließend eine WhatsApp-Nachricht an seinen Berater: „Nächstes Jahr will ich dabei sein.“ Die Antwort kam binnen Minuten: „Dann musst du Tore schießen.“ Er erfüllte seinen Vertrag innerhalb von drei Wochen.
Kauã Prates (17, Fluminense) und Justin Lerma (17, Independiente) folgen im Sommer. Beide kosten zusammen weniger als eine halbe Saison Brandt. „Wir wollen nicht den nächsten Superstar kaufen, sondern den ersten eigenen bauen“, sagt Ricken. Der Satz klingt nach PR, ist aber Konzernvorgabe. Die Gehaltsmaschine wurde zurückgeschraubt, die Scouting-Abteilung um 40 Prozent vergrößert. Kehl nennt es „Value Investing mit Turbo“.

Die gelbe wand feiert sich selbst – und das ist gut so
Als Reggiani in der 89. Minute einköpfte, brach im Südblock ein Soundwall los, der selbst den Hall-Sensor der FIFA-App aussteuerte. 122 Dezibel. Der junge Italiener lief nicht zum Fanblock, sondern drehte sich einfach nur im Kreis. „Ich wollte das Bild einfangen“, sagt er später. „So viele Gesichter, alle grinsen. Das ist mein Netflix, nur live.“
Kovac stand in der Pressekonferenz, schaltete kurz sein Handy an und zeigte eine Sprachnachricht. Sein Sohn (9) hatte geschrieben: „Papa, der neue Spieler heißt Luca, aber alle rufen ihn ‚Reggae‘. Darf ich auch?“ Der Trainer lachte Tränen. „Das ist der Moment, in dem du merkst: Der Umbruch ist keine PowerPoint, er ist ein Gefühl.“
Am Montagmorgen stand Reggiani um 7:15 Uhr im Leistungszentrum. Der Portier sagte „Buongiorno“, Reggiani antwortete auf Westfälisch: „Moin, neuer Tag, neue Krapfen.“ Er hat den Vertrag bis 2027, die Klausel für eine Verlängerung liegt bereit. Kehl will sie ziehen, bevor die großen Klubs die Scouting-Listen aktualisieren. „Wir haben gelernt: Wer zu lange wartet, wartet am Ende allein“, sagt der Sportdirektor.
Die Saison neigt sich dem Ende zu, die Zukunft beginnt mit einem Kopfball und 60 süßen Sünden. Reggiani weiß: Das nächste Tor muss folgen, sonst wird aus der Geschichte nur eine Anekdote. Aber er hat schon den ersten Schritt getan – und dabei die Hände vors Gesicht geschlagen. Nicht aus Scham, sondern vor Glück. Der Glanz der Gelben Wand spiegelt sich in seinen Augen. Und in denen der Fans, die endlich wieder jubeln dürfen.
