Recktenwald startet heute: saar-wunder will paralympics-sprint platzen

Marpingen (ots) – Keine fünf Stunden nach der Eröffnungsfeier liegt die erste Medaillen-Chance für das deutsche Team schon bereit. Johanna Recktenwald steigt am Samstagmittag in den 6-km-Sprint der Sehbehinderten. Für die 24-jährige Saarländerin ist das kein Auftakt, sondern ein Endspiel – und sie weiß es.

Die neue recktenwald: schneller, lauter, zielstrebiger

Vor vier Jahren in Peking war sie noch das schüchterne Ausnahmetalent, das am Ende als Vierte knapp am Podest vorbeischrammte. Mittlerweile trägt sie den Weltmeister-Titel und den Gesamtweltcup im Gepäck. „Ich bin nicht mehr die Jägerin, die sich versteckt“, sagt sie selbst, „ich bin die Gejagte.“ Das klingt nach PR-Sprech, ist aber Fakt: Seit Januar führt die Skijägerin aus dem 3 000-Seelen-Dorf Marpingen die Weltcup-Gesamtwertung an – und das trotz drei Fehlversuchen auf der Schießbank.

Die Taktik für heute ist dennoch simpel: Startnummer 5, direkt nach der Norwegerin Nilsen, lautet das Motto „Vollgas, dann gucken“. Die Schießmaske, die ihre Restsehstärke auf 5 % reduziert, wird dabei zur Glücksbaracke. Dreht sie nur drei Scheiben um, ist Top-5 drin. Bleibt die Scheibe stehen, darf sie träumen – von Bronze, vielleicht Silber. Gold? „Muss nicht heute sein“, sagt Bundestrainer Thomas Rupprecht, „aber die Form erlaubt es.“

Neun tage, fünf rennen, ein dorf im rücken

Neun tage, fünf rennen, ein dorf im rücken

Fans aus dem Saarland haben sich in einer Facebook-Gruppe organisiert, um Mitternacht losgefahren, mit Fahnen und Trillerpfeifen. Im Skistadion von Pragelato wird heute Mittag auch der Bürgermeister von Marpingen stehen – mit einer 20-Meter-Girlande, auf der steht: „Hau ab, Johanna!“ Gemeint ist natürlich: Hau ab nach vorn.

Die Physiotherapeutin der Mannschaft hat extra eine Playlist zusammengestellt: 80er-Hymnen, weil Recktenwald ein Faible für Synthie-Pop hat. Läuft „99 Luftballons“, wischt sie sich nach jedem Schuss die Brille frei – Ritual. Sportpsychologen nennen das „Anker setzen“, sie nennt es „Putzlappen-Pop“.

Übrigens bleibt der Einsatz nicht auf den Sprint beschränkt. Nach dem Biathlon geht’s direkt weiter ins Langlauf-Programm: 10 km, 15 km, Staffel. Neun Tage, fünf Starts – das Pensum einer Langstreckenkraft, getragen von einem Körper, der mit 70 km/h die Schießbahn anfliegt, obwohl er kaum mehr als Schatten sieht.

Die Zahlen sprechen für sich: 650 Athleten aus 50 Nationen, aber nur eine Handvoll gelten als sichere Medaillenkandidaten. Recktenwald gehört dazu. Der Weltcup-Gesamtsieg bescherte ihr 7 500 Punkte – 1 200 Vorsprung auf Verfolgerin Oksana Masters. Übersetzt: Sie muss heute nur ihre Normalform abrufen, schon steht sie auf dem Podest.

Und dann? Dann fliegt die Girlande nach Marpingen, wo der Sportverein TSV Pelkum eine Live-Übertragung im Vereinsheim organisiert. Los geht’s 12.30 Uhr, Einlass 12.15 Uhr. Kaffee und Saar-Lor-Lux-Kuchen inklusive. Wer nicht vor Ort ist, kann die ARD-Doku „Johanna – ein paralympischer Traum“ streamen – 30 Minuten pure Anspannung, geschnitten wie ein Thriller.

Am Ende bleibt ein Satz, den Recktenwald vor jedem Rennen murmelt: „Ich sehe nicht viel, aber ich erkenne das Ziel.“ Heute Mittag will sie es aus nächster Nähe anfassen – aus Bronze, Silber oder Gold. Das Saarland hält den Atem an. Und der Sport, dieser quälende, schöne Sport, beweist wieder: Manchmal reicht ein Dorf, um die Welt zu verändern.