Raimund fliegt trotz höhenangst: „gar nicht so wild“
Philipp Raimund spürt den Druck nicht. Er fliegt. 191 Meter weit, 24. Platz, windzerzaust, aber oben. „Gar nicht so wild“, sagt er, als hätte er gerade nur die Treppe hochgestiegen, nicht die Letalnica hinuntergebrettert.
Die Schanze in Planica ist keine normale. Sie ist ein Monsterspiel aus Stahl und Eis, 240 Meter Flugpotenzial, und wer hier unten aufschlägt, der fliegt nicht, der fällt. Zweimal hatte Raimund zuvor abgesagt. Erst keine Kraft, dann keine Nerven. Die Höhenangst war ein offenes Geheimnis, ein Klotz am Fuß, der ihn am Start zurückhielt.
Der zweite blick nach oben war leichter
Diesmal fuhr er an, stieg aus, schaute hinauf. Und lachte. „Ich habe gelernt, wie man ins Fliegen kommt“, sagt er, nachdem er Vikersund, Oberstdorf und Tauplitz überstanden hat. Drei Flugschanzen, drei Mal überlebt, drei Mal die Angst kleiner gemacht. In Planica nun der Test mit Extra-Gewicht: Sturm, Böen, ein Vorlauf mit Turbo. Der zweite Trainingsdurchgang fiel aus, die Quali wurde vorgezogen, die Nerven vorverlegt.
Raimund sprang trotzdem. Nicht perfekt, aber frei. „Es ist nur Skifliegen“, sagt er und klingt, als rede er vom Bäcker um die Ecke. Dabei weiß jeder, der die Letalnica je live gesehen hat: Hier ist nichts „nur“. Hier zieht der Berg die Flieger in eine Dimension, in der sich Magen und Seele kurz trennen.

Punkte sind die neue psychotherapie
Der Olympia-Sieger von Peking liegt im Gesamtweltcup auf Rang fünf. Für die Saisonwertung braucht er Zähler, sonst wird aus dem Traum von der kleinen Kristallkugel ein großes Fragezeichen. Am Freitag um 15 Uhr geht’s erneut los, und die Wetter-Apps versprechen noch mehr Wind, noch mehr Weiß auf dem Display. Raimund nickt. „Dann fliege ich eben wieder.“
Kein Pathos, kein Blick in die Glaskugel. Nur ein Athlet, der seine Angst nicht besiegt, sondern mit ihr Start genommen hat. Wer jetzt noch fragt, ob das reicht, der hat die Kürze seiner Antwort nicht verstanden: „Gar nicht so wild.“ Die Angst fliegt mit, aber sie sitzt hinten, nicht mehr am Steuer.
