Schweiz will olympia 2038 – das volk könnte den traum mit einem nein zerstören
200 Millionen Franken hat der Bund bereits locker gemacht, das IOC tickt auf Zeituhr: 2026 fällt die Entscheidung über die Winterspiele 2038. Doch bevor die Schweiz überhaupt ein Bewerbungsdossier einreichen kann, muss sie sich selbst bezwingen – an der Urne.
Die letzte olympische Erfahrung des Landes endete 2018 mit einem Desaster. St. Moritz und Davon verweigerten die Bürger die Spiele, Bern folgte 2002, Graubünden dreimal in Folge. Nun, 80 Jahre nach St. Moritz 1948, wagen es zehn Kantone erneut. Der Verein „Switzerland 2038“ wirbt mit Nachhaltigkeit und «heimischem Schneechaos statt Zuckerschnuten-Image». Die Realität: Noch hat kein einziger Kanton seine Zustimmung sicher.
Die fronten im nationalrat sind längst aufgerissen
Roland Rino Büchel (SVP) formuliert es wie ein Ultimatum: „Wenn der Bund zahlt, muss das Volk abstimmen dürfen.“ Andrea Zryd (SP) zieht nach: „Ohne Referendum vor dem Start gibt es kein Ja der Linken.“ Die FDP schwingt sich zum Befürworter, fordert aber mehr Transparenz. Katharina Prelicz-Huber (Grüne) lacht nur müde: „Welche Nachhaltigkeit? Wir bauen Spielstätten für 17 Tage und ernten 30 Jahre Leerstand.“
Frédéric Favre, CEO von „Switzerland 2038“, kennt die Zahlen: „Wir brauchen 1,5 Milliarden private Mittel, 500 Millionen öffentliche Infrastruktur und das Vertrauen der Bevölkerung.“ Das IOC verlangt bis Ende 2025 verbindliche Garantien. Zeit also wird knapp, die Kantone aber tänzeln. Waadtland will nur bei garantierter Volksabstimmung, Uri fürchtet Verkehrsinfarkt, Zürich fragt sich, warum es überhaupt mitmachen soll.
Die Geschichte spricht gegen Olympia. Seit 1970 scheiterte jede Schweizer Kandidatur. Die Bürger haben die Rechnung gesehen: Milliardenkosten, verschobene Tourismus-Erlöse, Weißelefanten in den Alpen. 2017 zerplatzte die Graubündener Traumvorstellung bei 60 Prozent Nein. Die Angst vor dem zweiten Sotschi ist real.

Der countdown läuft bereits
2024 muss der Bundesrat die Kreditvorlage verabschieden, 2025 stimmen die Parlamente, danach sammeln Gegner Unterschriften. Ein Referendum wäre spätestens 2026 fällig – exakt in dem Monat, in dem das IOC den Austragungsort kürt. Die Schweiz würde mit einer Vorlage antreten, die zu diesem Zeitpunkt noch per Volk blockiert werden kann. Kein anderes Land bietet so viel Demokratie – und so viel Risiko.
Die Sportverbände trommeln. Skisprung-Chef Urs Lehmann wirbt mit «Heim-EM-Effekt x zehn», Bob-Präsidentin Kristina Bader verspricht «Nachhaltigkeit durch Wiederverwendung». Doch wer in den Regionen fragt, hört andere Töne. Ein Hotellerie-Verband im Berner Oberland rechnet vor: „Wir bräuchten 3 000 zusätzliche Betten, die danach leer stehen.“ Die Gotthard-Bahn wagt keine Prognose zum Extra-Verkehr. Und die Jungfraubahn? „Wir sind ein Sommerberg“, sagt CEO Christoph Schmied – kein Kommentar zum Winter.
Die geopolitische Lage spielt der Schweiz in die Karten. Nach dem Skandal von Peking 2022 sucht das IOC einen «sicheren Hafen» in Europa. Die Schweiz gilt als stabil, reich, grün. Doch genau diese Grüne will die Spiele nicht. Die jüngste GSoA-Initiative «Stoppt Olympia» sammelte innerhalb von zehn Tagen 20 000 Unterschriften. Ihr Slogan: „Lieber Züri-Fäscht als Zwei-Milliarden-Debt.“
Schweizer Olympia-Pionier Marc Hodler pflegte zu sagen: „Olympia ist ein Marathon, kein Sprint.“ Für 2038 wird daraus ein Hindernis-Staffettenlauf: Volksabstimmung, Kantonsrunde, Bundesrat, IOC-Termin. Wer die Staffelstange fallen lässt, fliegt raus. Die Chancen? 50:50 – bei bestem Willen und schlechtesten Erinnerungen.
Die Verlockung bleibt. 1948 verhalf St. Moritz der Schweiz zum Image von Fairness und Perfektion. Heute würde ein erfolgreiches Fest die Alpine Tourismus-Industrie nach Corona pushen. Doch die Rechnung ohne den Wähler macht Olympia seit 50 Jahren in der Schweiz platt. 2038 wird die nächste Runde sein – und vielleicht die letzte Chance, das Trauma der gescheiterten Kandidaturen zu überwinden. Die Uhren ticken. Und die Urne wartet bereits.
