Italien entkommt der wm-falle – doch das große finale brennt

2:0 gegen Nordirland, 90 Minuten bis zur Entscheidung in Bosnien. Die Squadra Azzurra schafft den ersten Schritt, doch die Last bleibt.

Ein sieg, der wie befreiung und vorbote zugleich wirkt

Bergamo war Samstagabend ein Pulverfass in Pastellfarben. 23.439 Menschen im Gewusel von Atalantas Stadio, dazu ein nationales Fernsehpublikum, das seit 1.040 Tagen auf WM-Fieber wartet. Sandro Tonali ballte die Faust in der 56. Minute, Moise Kean schloss die Klammer in der 80. – und plötzlich lag wieder italienische Zukunft in der Luft. Doch wer die Gesichter in den Reihen studierte, sah: Die Erleichterung war nur ein Probesatz. Der Text heißt Dienstag.

Die Zahlen sind hart: Seit 1958 hat Italien keine WM mehr komplett verpasst, schon die beiden letzten Turniere blieben ohne Azzurri. Ein drittes Mal? Das wäre nicht nur sportlicher Beinahe-Tod, sondern ein kollektives Trauma mit Milliardenschaden für Sponsoren, Fernsehen und jene Kids, die laut Gazzetta dello Sport „noch nie ein italienisches WM-Tor im Leben gesehen haben“. Kean spürte sie auf seinen Schultern: „Nach dem 2:0 habe ich das ganze Land gespürt.“

Druck, angst, kleines stadion – ein cocktail mit nachwirkung

Druck, angst, kleines stadion – ein cocktail mit nachwirkung

Trainer Gennaro Gattuso hatte vor Anpfiff die Karten offen auf den Tisch gelegt: „In einem größeren Stadion wären 40 Pro gegen uns.“ Die Rechnung geht auf. Ohne Pfiffe, ohne Pfeifkonzert schafften die Spieler, was Statistiken nicht messen: Sie entkamen der eigenen Angst. Manuel Locatelli sprach von einem „Monster in den Köpfen“, Tonali nannte es „die Last der Vergangenheit“. Die Befreiung ist halb, weil Bosnien-Herzegowina nun das Schicksalsspiel bestimmt.

Die Bilanz gegen die Bosnier? Makellos, aber irrelevant. Italien gewann alle vier Duelle, doch die letzte Begegnung liegt acht Jahre zurück. In Zenica wartet ein rasender Rasen, ein gnadenloses 50.000-Publikum und ein Gegner, der nichts mehr zu verlieren hat. Für die Italiener gilt: Alles oder nichts, wieder.

Die logik des knockout-k.o.

Die logik des knockout-k.o.

Die UEFA hat das Play-off-System verschärft – ein einziges schlechtes Abendspiel reicht, um vier Jahre Planung zu versenken. Italien kennt die Regel, hat sie selbst geschrieben: 2022 ging das Abenteuer gegen Nordmazedonien in Palermo baden. Die Erben von Roberto Mancini wollen die Geschichte nicht wiederholen, doch das Wort „Selbstläufer“ ist im Lager verboten. „Wir müssen noch mindestens 90 Minuten durch das Feuer“, sagt Tonali. Und das Feuer in Zenica brennt mit Holz aus tiefster Balkan-Seele.

Die Frage ist nicht, ob Italien besser ist – das ist es auf dem Papier. Die Frage lautet: Wer trägt den emotionalen Tank nach 96 stressgeplagten Minuten gegen Nordirland noch einmal voll? Die Antwort entscheidet, ob künftige Generationen italienischer Kinder bloß YouTube-Highlights von 2006 schauen oder endlich wieder Livebilder aus Katar, USA, Kanada, Mexiko.

Am dienstag wird die waage neu justiert

Am dienstag wird die waage neu justiert

Ein Ticket wartet, zwei Nationen greifen danach. Für Italien steht mehr auf dem Spiel als nur ein Turnier. Es geht um Identität, Wirtschaft, Selbstbild. Gewinnen sie, ist die Angst erstmal begraben. Verlieren sie, dürfte das Echo lauter sein als jemals zuvor. Die Logik des Fußballs kennt kein Pardon – und Bosnien spielt bereits auf Verlängerung.

Die Uhr tickt. Die Italiener wissen: Das 2:0 war nur der Prolog. Das Kapitel „Endspiel“ schreibt sich in Zenica neu. Wer dort die Nerven behält, darf im Winter nach Katar. Wer zögert, fliegt nach Hause – und trägt das nächste Kapitel eines Albtraums mit sich. Die Waage steht auf Messers Schneide, und die Welt schaut zu. Kein Spiel, sondern ein Schicksal.