Ex-dfb-chef stenger packt aus: „was mich am meisten nervt, ist der präsident“

Er war der Mann hinter den Kulissen, als Deutschland noch Fußball-Weltmacht war. Jetzt, 15 Jahre nach seinem Abschied, schlägt Harald Stenger in seinem Wohnzimmer bei Frankfurt die Hände überm Kopf zusammen – und liefert das brisanteste DFB-Interview des Jahres. Der 75-Jährige, einst Mediendirektor des Bundesverbandes, attackiert Bernd Neuendorf, attackiert den „ängstlichen Kontrollwahn“ der Berater und erklärt, warum er Julian Nagelsmanns Kurs trotzdem verteidigt.

Neuendorf ist „profilos“ – und das merkt man international

Stenger formuliert es so direkt, dass man fast das Ticken der Kaffeemaschine im Hintergrund hört. „Was mich am DFB am meisten nervt, ist der Präsident“, sagt er knapp und lässt keine Sekunde Luft. „Er ist ein Mann der leisen Töne – und wirkt profillos.“ Die FIFA-Kumpanei mit Saudi-Arabien? Das Schweigen zu Trumps Inszenierung? „Da braucht es Courage, eine kritische Meinung zu äußern.“ Stenger hat sie, Neuendorf offenbar nicht.

Die Deutung des Alt-Strategen ist hart: Der Verband verliere Anschluss, weil die Führung zu sehr auf „Harmonie statt Haltung“ setze. Dabei sei die Außenwirkung längst wichtiger als interne Machtpoker. „Wenn du international nicht mehr wahrgenommen wirst, fliegst du irgendwann aus den Gremien“, sagt er und deutet an, dass der DFB genau auf diesem Abstellgleis steht.

Kimmich versus lahm: „mut ist keine frage des alters“

Kimmich versus lahm: „mut ist keine frage des alters“

Joshua Kimmich mag die neue deutsche Fußball-Maschine sein, doch Stenger sieht in ihm keinen Philipp Lahm. „Lahm hat 2012 klare Kante gegen die ukrainische Menschenrechtslage gezeigt. Das war mutig und richtig.“ Kimmich hingegen schweige zur Politik – aus Angst vor Shitstorms, vermutet der Ex-Chef. „Meinungsfreiheit für Sportler gehört dazu, sonst verlieren sie Glaubwürdigkeit.“

Die Botschaft: Wer Kapitän ist, muss sich positionieren – nicht nur auf dem Rasen. Stenger fordert mehr „Persönlichkeit statt PR-Sprüche“ und wettert gegen Berater, die Spieler „komplett abdichten“. Das Ergebnis: Interviews ohne Kante, Statements ohne Herz. „Autorisierung ist kein Zensurinstrument“, schimpft er und erzählt, wie er früer Spieler zu offenen Gesprächen mit Kritikern schickte – mit Erfolg.

Nagelsmanns experimente: „titel sind das einzige, was zählt“

Julian Nagelsmann steht bei Stenger auf Bewährung. „Würdig ist man erst, wenn man Titel holt“, sagt er und verlangt mehr Konstanz statt „kesser Sprüche“. Das jüngste kicker-Interview sei ein Schritt in die richtige Richtung: „Endlich mal wieder Fachsimpelei statt Social-Media-Geblubber.“ Dennoch warne er vor zu vielen „Schlangenlinien“ in der Personalplanung. „Ein WM-Jahr verträgt keine ewigen Rotationen.“

Stenger sieht die Medienabteilung des DFB „massiv geschwächt“, weil externe Agenturen und Spielerberater das Ruder übernehmen. „Früher war der Pressesprecher Ansprechpartner Nummer eins, heute ist es der Instagram-Account des Spielers.“ Die Folge: Kontrollverlust, Imagebrüche, Reputationsverlust.

Özil-bruch: „unfassbar traurig“

Kein Thema berührt Stenger persönlicher als der Fall Mesut Özil. „Bis zur Hochzeit hatte ich einen guten Draht zu ihm“, sagt er und seine Stimme bröckelt beinahe. „Was danach passiert ist, lässt mich bis heute fassungslos.“ Er wirft dem Verband vor, Özil „nicht geschützt, sondern verheizt“ zu haben. „Wir haben der Öffentlichkeit nichts vorgeflunkert – Stichwort Integration. Aber am Ende stand der DFB als Verlierer da.“

Sein Fazit ist gnadenlos: Der Riss zwischen dem Verband und dem Spieler sei „eine der unfassbarsten Entwicklungen“ der deutschen Sportgeschichte. Und er mahnt: „Wenn du Spieler nur noch nach Marketingwert behandelst, verlierst du die Seele des Teams.“

Die sauna als schaltzentrale

Ein Detail verrät mehr über Stengers Erfolg als jede Strategie-Powerpoint. „Abends bin ich oft in die Sauna im Mannschaftshotel gegangen. Der Kreis wurde größer, wir sprachen über Gott und die Welt – und nichts drang nach außen.“ Dieses Vertrauensmodell sei heute „undenkbar“. Stengers Kommentar dazu: „Wenn du keine Geheimnisse mehr teilst, hast du auch keine Geschichten mehr zu erzählen.“

Mit dieser Sentenz endet das Gespräch – und liefert dem DFB die Anleitung, wie er seine Geschichte neu schreiben könnte. Ob er sie liest, ist eine andere Frage.