Colombiens medienelite zittert: sexismus-ermittlungen bei noticias caracol

Zwei Star-Moderatoren für 30 Tage vom Bildschirm, ein E-Mail-Fach nur für sie und ein Land, das endlich über die rot-weiße Glaskugel des Journalismus spricht: In Kolumbien ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft gegen Top-Reporter von Noticias Caracol, weil interne Zeuginnen sexuelle Belästigung meldeten.

Der Skandal entzündete sich an einem internen Schreiben, das Caracol am Freitag veröffentlichte. Darin räumte der Sender Protokolle ein, die seit Jahren in Schubladen schlummerten, und kündigte sofortige Suspendierungen an. Namen nannte man nicht – doch die sozialen Netzwerke machten binnen Stunden Juan José Acevedo (Nachrichten) und Carlos Antonio Vélez (Sport) aus. Beide gelten als Gesichter des Senders, ihre Twitter-Profile verstummten seitdem.

„Null toleranz“ – aber erst nach öffentlichem druck

Senderchef Juan Roberto Vargas beteuert, man stehe „auf Seiten der Opfer“. Doch intern wissen Mitarbeiter: Die ersten Warnungen gingen bereits vor drei Jahren an die Personalabteilung. Damals landeten sie in einer Excel-Tabelle. Jetzt, nach dem Shitstorm, öffnet die Anklagebehörde das eigene Kanonenfutter: Eine eigene E-Mail-Adresse ([email protected]) soll neue Hinweise einfangen, ein spezielles Gender-Team verhört bereits diese Woche.

Die Zahl, die die Kultur in den Redaktionen aufrollt: 78 % der 400 befragten Journalistinnen gaben in einer jüngsten Studie an, mindestens einmal belästigt worden zu sein – erst 12 % erstatteten Anzeige. Die Angst vor dem nächsten Arbeitsvertrag ist größer als die Wut.

Unter dem Hashtag #YoTeCreoColega berichtet nun sogar Juanita Gómez, ehemalige Caracol-Reporterin, offen von Nachrichten mit „Fotos, die kein Mensch sehen will“. Ihr Kollege Néstor Morales vom Sender Blu sagt: „Es tut weh, aber es ist ein notwendiger Schmerz.“

Ein präzedenzfall, der bis in den kongress reicht

Ein präzedenzfall, der bis in den kongress reicht

Parallel zur strafrechtlichen Prüfung laufen interne Disziplinarverfahren. Wer die beiden Moderatoren beerbt, steht noch nicht fest; Produktionen wurden bereits umgeschichtet. Juristen sprechen von einem historischen Fall: Erstmals erkennt ein Großsender öffentlich Machtmissbrauch in den eigenen Reihen an und bittet die Justiz um Hilfe – ein Sargnagel für die jahrzehntelange Omertà der Kasten.

Die Ermittler wollen noch in dieser Woche offizielle Vorladungen verschicken. Wer aussagt, bekommt laut Anklage Zeugenschutz und therapeutische Begleitung. Die Drohung dahinter: Kommt Bewegung in die Akten, könnte sich der Sumpf bis in den Bogotáer Kongress ziehen, wo Journalisten und Politiker seit Jahren dieselben Gänge betreten.

Der Bildschirm bleibt vorerst schwarz für die beiden Stars. Die Sendung läuft trotzdem – und das Publikum merkt: Es geht auch ohne sie. Die wahre Frage ist nicht, wer als nächstes fällt, sondern wie viele Redaktionen noch ihre Excel-Tabellen öffnen müssen.