Aleksandar boricic stirbt mit 77: europas volleyball verliert seinen architekten
Mit nur 77 Jahren ist Aleksandar Boricic an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben – und mit ihm verschwindet eine Epoche, die den europäischen Volleyball von der Halbprofil-Liga zur Milliarden-Marke katapultierte.
Der mann, der gold aus dem balkan machte
Als Spieler und Trainer führte er Crvena zvezda Belgrad zu Titeln, als Funktionär führte er Serbien 2000 zu Olympiasieg und sich selbst von 2015 bis 2024 an die Spitze der CEV. Zwei Amtszeiten, acht Jahre, ein Wachstum von null auf 1,3 Milliarden Euro TV-Volumen – das ist die Bilanz, die hinter seinem Namen steht.
Vladimir Grbić, Diagonalangreifer der goldenen serbischen Mannschaft von Sydney, spricht offen: „Von ihm habe ich gelernt, dass Sport keine Politik, sondern Diplomatie ist. Jede Drohung wurde zu einem Deal, jeder Deal zu einem Pokal.“ Die Worte klingen wie ein Nachruf auf einen Staatsmann, nicht auf einen Sportchef.
Der schlaganfall kam vor drei tagen – der abschied war schnell
Noch am Montag telefonierte Boricic mit italienischen Lega-Vertretern über die nächste Volleyball Nations League-Saison. Dienstagmorgen fiel er in seiner Belgrader Wohnung zusammen. Die Klinik konnte das Blutungsareal nicht mehr abschwächen. Donnerstagmittag erlosch das Hirnstrombild – ein Land, eine Sportart stehen still.
Die CEV-Sitzung am Freitag in Luxemburg wurde abgesagt, stattdessen wird eine Trauerminute eingelegt. Präsidenten anderer Kontinentalverbände drängen sich in die Video-Schaltung, um zu fragen: Wer hält nun die Fäden, wer versteht die Medien-, die Polit- und die Geld-Geheimnisse so wie der Serbe?
Die Antwort lautet: niemand. Boricic’ Nachfolger stehen erst in 60 Tagen zur Wahl, und das Feld der Kandidaten wirkt wie ein B-Team im Vergleich zum Regisseur, der die Champions League der Volleys auf Amazon Prime und DAZN verhandelte und dabei die europäischen Klubs mit Millionen-Einschaltquoten versorgte.
Ein erbe, das mehr zählt als medaillen
Die Zahlen sind hart: 47 Länder gehören heute zur CEV, 2006 waren es 32. Der Frauen-Wettbewerb zahlt Preisgelder, von denen früher selbst Herren-Teams träumten. Die Challenge Cup, die European League, die Finalissima – alles Marken, die Boricic wie Start-ups aufgezogen hat.
Doch das eigentliche Vermächtnis steckt in den Geschichten, die niemand protokolliert hat. Wie er 2018 in Moskau neben Wladimir Putin saß und die Russen dazu überredete, ihre Klubs nicht aus der Champions League zu nehmen. Wie er 2021 mit einem einzigen Anruf erreichte, dass die deutsche VBL die TV-Rechte an die CEV zurücklizenzierte – und damit die Liga rettete.
Jetzt liegt die Federführung bei Interimspräsidentin Michelle van der Vossen. Sie wird die Geschäfte bis zur Wahl führen, aber die Stimme, die in Brüssel, in Lausanne, in Washington Gehör fand, wird fehlen. Ein Insider aus der CEV-Zentrale spricht offen: „Aleksandar war unser Spin Doctor, unser Strippenzieher und unser Vulkan. Ohne ihn wird die Halle kälter.“
Die serbische Führung kündigte ein Staatsbegräbnis an – eine Geste, die sonst nur Militärs und Dichtern zuteilwird. Die Volleyball-Welt wird am Samstag in Belgrad zusammenstehen, aber danach? Dann beginnt die Ära nach Boricic, und die erste Frage lautet: Wer füllt ein Vakuum, das ganze Verbände verschlucken könnte?
Die Antwort wird fallen – aber sie wird nicht mehr von ihm kommen.
