Pogacar zerstört die konkurrenz – und bald vielleicht auch die lust der zuschauer

78,5 Kilometer Solo. Vier Siege bei Strade Bianche. Keiner war je so schnell, so dominant, so unerreichbar. Tadej Pogacar treibt den Radsport an die Grenze des Erträglichen – und vielleicht darüber hinaus.

Die menschenmassen wollen ihn berühren, er muss sich schützen

Siena, Piazza del Campo: Was vor Jahren noch ein Radrennen war, ist längst ein Kult. Hotels ausgebucht, Airbnps mit Hypothekenpreisen, am Streckenrand Menschenketten, als wäre der Papst auf Tour. Die Organisatoren verlegen Start- und Zielbereiche, die Polizei formiert Absperrungen wie bei einem Staatsbesuch. Und das alles für einen 27-Jährigen aus Komenda, der da mit dem Rad durch die Toskana fliegt und dabei Geschichte schreibt.

Die Bilder von Le Tolfe zeigen den Unterschied besser als jede Statistik: 2009 fährt Daniele Bennati vor leeren Hängen, 2025 wartet eine Wand aus Menschen, bis der Horizont verschwindet. Die Gran Fondo am Folgetag meldet 8.500 Meldungen, Rekord. Die Emotion ist echt, das Interesse ungebrochen – aber wie lange noch, wenn das Ergebnis vorher feststeht?

Die nummer eins braucht jetzt einen bodyguard auf zwei rädern

Die nummer eins braucht jetzt einen bodyguard auf zwei rädern

In Belgien begleitet bereits ein Motorradfahrer sein Training, um Fanübergriffe zu verhindern. Die UAE-Team-Management-Crew diskutiert intern über zusätzliche Sicherheitskräfte, die sonst nur Fußball-Stars oder Pop-Ikonen umgeben. Kein anderer Fahrer erlebt das. Remco Evenepoel mag Weltmeister sein, Mathieu van der Poel Magier auf dem Rad – doch Pogacar ist das Phänomen, das sich greifen lassen will.

Der Vergleich mit Eddy Merckx hält nicht nur wegen der Siege, sondern wegen der Allgegenwart. Merckx wurde gefeiert, aber er wurde auch geschlagen. Pogacar gewinnt seit September jedes Rennen, das er beendet. Die letzte Niederlage: Platz vier in der WM-Einzelzeit, hinter Evenepoel. Seitdem folgten Straßen-WM, Europameisterschaft, Lombardie, Tre Valli Varesine und eben jene vierte Strade-Bianche-Gala.

Sanremo und roubaix: die letzten fehlenden monate

Sanremo und roubaix: die letzten fehlenden monate

Sieben Tage nach Siena steht Milano-Sanremo an. Fünf Versuche, drei Podestplätze, kein Sieg. Für einen Mann, dem sonst alts gelingt, bleibt die Classicissima eine offene Rechnung. Anders als beim kasseischen Roubaix-Debüt, wo er 2024 sofort Zweiter wurde, verfolgt ihn in Sanremo ein Fluch: er kommt zu spät, findet sich im Sprint wieder, verliert gegen Van der Poel, der die Via Roma schon zweimal im Alleingang erobert hat.

Diesmal könnte alles anders sein – oder auch nicht. Denn Van der Poel ist zurück vom Rekord-Cross-Winter, frisch, hungrig, mit dem achten Regenbogen-Trikot im Gepäck. In Kuurne-Brüssel-Kuurne zeigte er, dass die Rückkehr keine Show, sondern eine Drohung ist. Pogacar wird früher angreifen, vielleicht schon auf der Cipressa. Aber wer garantiert, dass der Niederländer nicht wieder eine Antwort findet, die sich keiner ausrechnet?

Die Statistik sagt: Pogacar gewinnt, wenn er will. Die Realität sagt: Sanremo ist kein Computermodell, sondern 291 Kilometer Nervenkrieg. Und Roubaix wartet mit Kopfsteinpflaster und Sturzlotterie. Wenn er beide nimmt, ist die Merckz-Marke fällig. Wenn er scheitert, bleibt er menschlich – und das vielleicht spannendste Radsport-Jahrzehnt lebt.

Die Fans werden trotzdem kommen, die Kameras werden laufen, die Twitter-Timeline explodieren. Denn Exzellenz langweilt nicht – sie zieht uns magnetisch in ihren Bann. Und so sehr wir uns nach Spannung sehnen, so sehr wollen wir auch Zeuge der Unmöglichkeit werden. Pogacar liefert sie, Woche für Woche. Die Frage ist nicht, ob er gewinnt, sondern: Wer schafft es, ihn zu schlagen? Antwort in sieben Tagen an der Riviera.