Pogacar stürzt, lacht, siegt: merckx schlägt die hände über dem kopf zusammen

Mailand-Sanremo in vier Akten – und keiner länger als drei Herzschläge. Tadej Pogacar riss sich auf dem Asphalt die Trikotschicht auf, schüttelte sich, fuhr fort und holte trotzdem den Sprint gegen Tom Pidcock. Vor dem Fernseher sass Eddy Merckx, 80, und schwieg Minuten lang. „Ich habe gedacht: Jetzt ist das Rennen vorbei“, sagte er der Gazzetta dello Sport. „Dann sah ich, wie er aufstand, als wäre nichts gewesen. Das war keine Rückkehr, das war eine Demonstration.“

Sturz vor der cipressa – und kein zweifel

Die Szenerie: 271 km in den Beinen, 15 km bis Ziel, Tempo 55. Ein Bergschuh rutscht, ein Lenker hakt – Pogacar liegt auf dem Seitenstreifen. Die Jumbo-Visma-Armee schaltet sofort in Angriff, UAE Team Emirates verliert zwei Sekunden, dann drei. Was niemand ahnt: Pogacar nutzt den Sturz als Startsignal. „Er hat sich nicht einmal das Blut abgewischt“, sagte Merckx. „Die Reaktion war die eines absoluten Champions.“

Die Cipressa ist noch 15 Höhenmeter entfernt, doch die Lücke schmilzt bereits. Mathieu van der Poel spürt den Schatten, beschleunigt – vergeblich. Auf dem Poggio zieht Pogacar aus, als hätte er nur auf diese Rampe gewartet. 3,7 km steil, 8 % im Schnitt, Van der Poel sieht die Hinterradnabe wie ein Verfolgerfoto. „Ich habe geglaubt, er würde nur die Tour dominieren“, sagt Merckx. „Aber er zieht auch hier die Reißleine. Unglaublich.“

Abfahrt ohne netz und doppelten boden

Abfahrt ohne netz und doppelten boden

Der Poggio-Abstieg gilt als Sekundenfalle. Pidcock, MTB-Weltmeister, liebt dieses Schlingern zwischen Olivenbäumen. Pogacar hasst diese Passage – normalerweise. Diesmal surft er mit 77 km/h so dicht am britischen Hinterrad, dass die GoPro-Objektive nur noch zwei Schatten zeigen. „Er hätte dort verlieren können“, sagt Merckx. „Aber er liess kein Radlängen.“

Die Via Roma ist 400 Meter lang, Kopfsteinpflaster, Sonne im Rücken. Pidcock öffnet das Finale, Pogacar wartet, bis der Wind von schräg hinten kommt. 63 km/h Topspeed, kein Hintermann kommt vorbei. Merckx: „Wenn du so sprintest, braucht es keine Statistik. Das ist reine Macht.“

Die trophäenliste ist fast komplett

Die trophäenliste ist fast komplett

Mit diesem Sieg fehlt Pogacar nur noch Paris–Roubaix, um alle fünf Monumente zu komplettieren. Merckx lacht trocken: „Er wird auch dort starten. Und er wird nicht nur teilnehmen.“ Die Statistik spricht für ihn: 19 Saisonsiege, 13 davon vor Mai. Die Frage ist nicht mehr, ob er Roubaix gewinnt, sondern wie viele Minuten er abreißen wird.

Merckx selbst gewann 1972 alle drei Grand Tours und fünf Monuments – ein Kalender, den viele für unerreichbar hielten. Nun steht ein Slowene kurz davor, das Kunststück zu wiederholen. „Ich habe 50 Jahre gebraucht, um meine Rekorde zu erklären“, sagt der Belgier. „Er braucht keine Erklärung. Er fährt einfach weg.“

Am 14. April rollt das Feld über die Pavé nach Roubaix. Die Wetten sind bereits geschlossen. Merckx hat seine gesetzt: „Er wird das Velodrom als Erster betreten. Und dann können wir endlich aufhören, über Legenden zu reden – wir haben eine neue.“