Pogacar jagt das letzte monument – van der poel wartet mit sprengstoff

298 Kilometer, eine Lebenslücke und ein Rivale, der schon weiß, wie Sanremo glüht. Tadej Pogacar startet am Samstag zur 117. La Primavera – und er hat nur noch dieses eine Rennen zu verlieren.

Die lücke, die kratzt

109 Siege, vier Tour de France, drei weitere Monumente – doch das Foto auf der Via Roma fehlt im Album. „Mailand-Sanremo bringt mich noch ins Grab“, sagte Pogacar vor zwei Jahren. Seitdem wurde er zweimal Dritter, einmal Zweiter, einmal Vierter. Die Form? Eben erst zerfetzte er das Feld bei Strade Bianche, 80 Kilometer solo, als hätten die anderen Stausgeld. Datenjäger wissen: Auf der Cipressa fuhr er Anfang März 8:51 Minuten – ein Aliens-Wert, den kein Kommentator ohne Klingeln in den Ohren zitiert.

Mathieu van der Poel hört die Zahlen und lacht trotzdem. Der Niederländer hat die Punkte schon gesammelt: 2023 und 2025 gewann er hier. „Wenn mir nur ein Prozent fehlt, ist Tadej auf der Cipressa weg“, sagt er, aber genau diese Lücke will er ihm lassen. Zwei Etappensiege bei Tirreno-Adriatico zeigen: Van der Poels Motor läuft bereits auf Wettkampftemperatur. Er kennt die letzten 280 Meter der Via Roma besser als seine eigene Garage.

Keine berge, nur fallen

Keine berge, nur fallen

Die Strecke hat keine Alpen, aber sie nagt. 298 km Flachkurbeln, dann Cipressa und Poggio – zwei Anstiege, die nach sieben Stunden im Sattel wie Wände wirken. Wer hier zögert, wird verschluckt. Wer früh spurtet, kocht vor dem Ziel. Pogacar will die Entscheidung auf dem Poggio erzwingen, genau wie 2025, als er Ganna und Van der Poel nicht abschütteln konnte. Diesmal droht er mit einem Neuerungsangriff – kilometerlanger Seitenwind, 54 km vor dem Ziel. Seine Sportdirektoren haben die Wetter-App offen wie einen Live-Ticker.

Die Sprinter? Jasper Philipsen, Tim Merlier, Caleb Ewan – sie alle wissen, dass nur ein Zielsprint sie rettet. Doch der Traum vom Massenfinish stirbt meist auf dem Poggio. Letztes Jahr schafften es gerade mal 26 Fahrer in die Via Roma. Die Quote für einen Sprintersieg liegt seit 2010 bei 30 Prozent. Pogacar will diese Statistik einstampfen – oder zumindest seine eigene.

Stunden der wahrheit

Stunden der wahrheit

Am Samstag um 10:05 Uhr rollt das Feld in Pavia los. Um 17:15 Uhr dürfte der Poggio brennen. Dazwischen: sechseinhalb Stunden Nervenkrieg, in denen ein einziger Riss reicht, um Träume zu zerstören. Pogacar hat den Riss schon gemalt. Van der Poel hat die Tapete schon hängen.

Die Wette: Wer gewinnt, schreibt Geschichte. Wer verliert, schreibt sich selbst auf die Liste für 2027. Pogacar sagt: „Ich habe keine Angst mehr.“ Van der Poel antwortet: „Er wird dieses Rennen gewinnen – nur nicht an diesem Samstag.“ In Norditalien tickt eine Uhr, die nur zwei Namen kennt.