Blessin wirbt um glauben: st. pauli stemmt sich im kellerduell gegen leipzig

Acht Spiele ohne Sieg, Tabellenplatz 17 – und trotzdem schmettert Alexander Blessin kein einziges Leid. „Wir haben es in der Hand“, sagt der Trainer des FC St. Pauli vor dem Heimspiel gegen RB Leipzig (Samstag, 15.30 Uhr/Sky) und klingt dabei, als stünde sein Team auf Europa-Kurs statt im freien Fall. Der Glaube, so betont er, sei intakt – und damit auch die Chance, am 34. Spieltag entweder direkt zu retten oder wenigstens die Relegation zu erreichen.

Der countdown läuft: wolfsburg wartet im rückspiel

Die Rechnung ist simpel, die Wirklichkeit brutal. St. Pauli muss den VfL Wolfsburg auf Platz 16 noch überholen, ehe am letzten Spieltag das direkte Duell der beiden Abstiegskandidaten ansteht. Dazwischen liegt nur ein Spieltag – und der bringt einen handfesten Nachteil: Die Hamburger bestreiten ihr Match gegen Leipzig am Samstagnachmittag, Wolfsburg reist abends mit dem Wissen um das Millerntor-Ergebnis nach München. Ein Timing, das viele Fans als ungerecht kritisieren, Blessin aber kalt lässt. „Darüber zu reden ändert nichts. Wir müssen uns selbst in eine Position bringen, in der das Ergebnis der anderen egal ist.“

Der Coach redet sich nicht frei, er redet herunter. Druck? „Immer da“, gibt er offen zu. Doch er verlagert ihn, weg vom Kollektiv, hin auf sich selbst. „Ich muss damit umgehen – und die Mannschaft auch.“ Eine Ansage, die in der Kabine ankommen soll, wo sich nach der 0:2-Pleite in Bremen die Frage nach der mentalen Belastungsgrenze stellt. Seit acht Partien warten die Kiezkicker auf ein Erfolgserlebnis, die letzten beiden Heimspiele endeten mit je einem Tor Unterschied – zu wenig, um den Abstiegsstrudel zu verlassen.

Blessins plan: frühes risiko und leipziger eigendynamik

Blessins plan: frühes risiko und leipziger eigendynamik

Gegen RB setzt der Trainer auf eine Mischung aus Aggressivität und Ballbesitz. Leipzig ist nach der 3:4-Heimpleite gegen Leverkusen selbst angeknockt, die Defensive wackelt. „Wir werden versuchen, sie früh zu stören und Räume zu finden, wenn sie umstellen“, sagt Blessin. Die Marschroute klingt mutig, sie muss es auch sein. Ein Punkt nützt kaum etwas, zwei schon eher. Doch der Trainer weiß: Nur ein Sieg entfacht die alte Energie im Stadion und schickt Wolfsburg unter Zugzwang.

Die Zahlen sprechen gegen St. Pauli: 20 Gegentore in den letzten acht Spielen, nur neun Tore vorne – das schreit nach Korrektur. Blessin will personell nachlegen, gibt sich aber bedeckt. „Wir schauen, wer bereit ist, 90 Minuten Intensität zu bringen.“ Ein Satz, der wie eine Warnung klingt. Wer nicht sprintet, fliegt raus.

Am Millerntor brodelt es trotzdem nicht nur vor Angst. Die Fangruppe „Wir sind St. Pauli“ rief zu einer Choreografie auf, die den Glauben visualisieren soll – ein Leuchtfeuer im Dunkel der Tabelle. Ob es reicht, entscheidet sich in den nächsten 180 Minuten. „Wenn wir gegen Leipzig gewinnen, ist alles offen“, sagt Blessin und klingt dabei erstmals wie ein Mann, der nicht nur hofft, sondern plant. Die Relegation ist kein Schreckgespenst mehr, sondern ein Etappenziel. Und der direkte Klassenerhalt? „Möglich, wenn wir an uns selbst glauben.“ Glaube ist das letzte Aufgebot – und manchmal reicht er, um ein ganzes Stadion zu tragen.