Patrick halgren feiert silber – und packt aus über bruder, alkohol und dating
„Abrakadabra, boom, magisch!“ Mit diesem Satz schmettert Patrick Halgren ins Mikro, was Millionen in den USA schon von TikTok kennen. Doch hinter dem Show-Clip steckt mehr als ein viraler Spruch. Der 33-jährige US-Skifahrer hat in Cortina Silber im Super-G geholt – und danach einen Schleier gezogen, der bislang vor allem seine Follower beschäftigte: Was genau steckt in dem Mann, der sich auf Instagram als leuchtend-bunter Energiebunker präsentiert?
Die silberfahrt war erst der anfang
Halgren raste mit 96,4 km/h durch die „Tofana“-Hangkombination, ließ im Ziel eine Staubwolke aufsteigen – und brüllte ins ARD-Kameraauge: „Wie geht’s, du geiler Hund?“ Die Zeit: 1:15,34 Minuten, nur 0,27 hinter Gold. Doch während andere Medaillengewinner sich auf Siegesinterviews beschränken, nutzte Halgren die Sendezeit für ein dreiminütiges Seelenstriptease. Er sprach über seinen Zwillingsbruder Sven, der 2016 bei einem Motorradunfall in Neuseeland starb. „Er ist der Grund, warum ich freundlich bin, wenn Menschen gemein zu mir sind“, sagte Halgren und seine Stimme brach kurz weg. Die Bilder der Siegerehrung zeigen ihn mit Tränen, die unter der Skibrille hervorkullern.
Die Geschichte kennt jeder, der Parasport verfolgt: 2013 verlor Halgren selbst sein linkes Bein an der Hüfte, als er mit seiner Harley auf regennasser Fahrbahn von der Straße rutschte. Ein Monat Koma, 14 Operationen, monatelange Reha. Drei Jahre später fuhr Sven dieselbe Strecke – mit dem Unterschied, dass er nicht aufwachte. Seitdem trägt Patrick einen blau-gelben Aufkleber mit dem Schriftzug „Svendit!“ auf seinem Helm. Eine Mischung aus „Send it!“ – dem Snowboard-Slang für „einfach machen“ – und Svens Namen. Die Sticker tauchen inzwischen auf Wasserflaschen, Sesselliften und selbst auf dem Handgelenk eines kanadischen Coaches auf.

Alkohol, dating und die angst, langweilig zu sein
Halgren redet nicht nur über Tod und Trauer. Er spricht auch über Tinder-Dates, die schiefgingen, weil er sich vorher zu viele Shots gönnte. „Ich war der Typ, der auf der Party den Feuerlöscher zog“, sagt er und lacht, während er die Zähne bleckt. Seit dem 7. März 2022 ist er trocken. „Ich will beweisen, dass ich auch ohne Bier der Coolste in der Bar bin.“ Seine Methode: extremer Content. In einem Video springt er mit Prothese von einer 15-Meter-Klippe, im nächsten lasiert er sich die Fingernägel in Neonpink, nur um seine Follower zu fragen: „Welche Farbe nächste Woche?“
Die Zahlen sprechen für sich: 1,7 Millionen Views für einen Clip, in dem er erklärt, wie man sich mit einer Beinprothese anspannt. 480.000 Likes für das Video, in dem er sich selbst mit einem Glückskeks-Chip in der Hand in ein Dating-Restaurant begibt. „Ich bin kein Influencer, ich bin ein Idiot mit Medaille“, sagt er und meint das als Kompliment.

Warum seine eltern jetzt zum ersten mal die usa verlassen haben
Bei der Siegerehrung winkten seine Eltern Mary Lou und Patrick Sr. – beide Anfang 60, beide noch nie zuvor im Ausland. „Sie haben ihren ersten Reisepass beantragt, weil ihr Soohn Ski fährt“, sagt Halgren und verdreht die Augen. „Abrakadabra, boom – und plötzlich sitzen sie in den Dolomiten.“ Sein Vater, früher Marineinfanterist, weinte laut Reporterkollegen 45 Minuten lang. „Er hat mir beigebracht, dass Männer nicht weinen. Heute habe ich ihm gezeigt, dass das Quatsch ist.“
Die Familie Halgren ist damit ein Mikrokosmos der US-Paralympics-Mannschaft: 46 Athleten, 18 mit Amputation, viele mit ähnlichen Schicksalen. Doch keiner transportiert seine Story so unverschämt offensiv wie Halgren. Während andere über „Resilienz“ sprechen, posiert er mit einem selbstgemalten Tattoo auf der Prothese: „No excuses, only options.“

Was jetzt kommt – und warum er bleibt
Am Freitag steht der Riesenslalom an, dann die Abfahrt. Halgren will nicht nur nachlegen, er will die Spiele verändern. „Ich will, dass Leute sagen: ‚Er war der Typ, der Silber gewann und dabei aussah wie ein Skittle-Bonbon.‘“ Die Internationale Paralympische Kommission hat ihn bereits für die Closing-Ceremony angefragt – als Moderator. „Kann ich machen, wenn ich vorher noch Gold hole“, sagt er und zwinkert.
Die nächsten Tage werden zeigen, ob seine Linie zwischen Show und Sport aufgeht. Kritiker munkeln, er überschneide sich mit der Marke. Doch die Quoten sprechen eine andere Sprache: Die ARD-Zahlen für das Halgren-Interview lagen 34 % über dem Schnitt der Sendung. „Wenn ich nur einen Teenager dazu bringe, sich eine Prothese zu besorgen und wieder aufs Board zu steigen, war alles richtig“, sagt er und tippt sich gegen die Stirn. Dann grinst er wieder. „Abrakadabra, boom – nächste Runde.“
