Özil bricht sein schweigen: anruf aus istanbul, neues leben, alter streit

Samstagnachmittag, VfL Wolfsburg gegen Werder Bremen. In der 87. Minute klingelt das Handy des BILD-Reporter Torsten Rumpf. Die Nummer beginnt mit +90. Mesut Özil meldet sich – nach acht Jahren Funkstille. Kein Tweet, keine SMS, keine Antwort auf deutsche Fragen. Jetzt plötzlich diese Stimme: jungenhaft, leise, fast wie früher im Mixed Zone-Gewusel, nur dass das Gespräch zehn Minuten später wieder vorbei ist und der ehemalige Weltmeister sich nicht zitieren lässt.

Der berg über dem bosporus ist sein neues zuhause

4000 Quadratmeter Grundstück, eigener Spielplatz, Wasserlauf sticht Kiesweg. Die Villa in Küçük Çamlica thront über Istanbul, der Blick schweift auf die europäische Seite – jene, die Özil einst verließ. 2019 kaufte er das Areal, noch während er bei Arsenal unter Vertrag stand. Die Miete an Erdogan-Vertrauten Sitki Ayan brachte ihm 17.500 Dollar pro Monat ein, heute wohnt er selbst dort – mit Gattin Amine, den Töchtern Eda und Ela sowie dem dritten Kind unterwegs. Oma Gülizar zieht demnächst nach, Papa Mustafa bleibt in Gelsenkirchen: Kontakt abgebrochen seit 2013, wegen einer nicht verlängerten Vertragsklausel bei Real Madrid.

Im Keller: ein Fitnessstudio, das größer ist als manche dritte Liga-Kabine. Dort verwandelte sich der filigrane Spielmacher 2024 in Muskel-Mesut, legte 20 Kilo zu, löste Shitstorms aus, weil auf seiner Brust ein Grauwolf-Tattoo blitzte. Mittlerweile hat er wieder zehn Kilo runter, sieht wieder aus wie der Özil von 2014 – nur ohne Nationaltrikot, dafür mit AKP-Mitgliedsausweis. Seit Februar 2025 sitzt er im Führungsgremium der Partei, reiste mit Bilal Erdogan ins Rohingya-Lager von Bangladesch, posiert auf Instagram mit der palästinensischen Flagge.

Die akademie soll deutschlands nachwuchszentren übertrumpfen

Die akademie soll deutschlands nachwuchszentren übertrumpfen

Ab 2026 rollt auf einem ehemaligen Industrieareal in Istanbul der Ball: „Mesut Özil Spor Akademisi“, elfjährige Talente, deutsche Trainer, eigene Schlafräume, Kantine, Campus-Charakter. Eine Filiale folgt im international nicht anerkannten Nordzypern – dort, wo er 2025 mehrfach zu Besuch war und die Lizenzierung offenbar lockerer zugeht. Den Zeitplan nennt er „Herzensprojekt“, das Vorbild lautet Lizzy-Akademie in Hoffenheim, nur mit mehr Marmor und Blick auf Minarette. Er will zurückgeben, was er einst bei Schalke von Norbert Elgert lernte, nur eben auf türkischem Boden.

Die Bundesliga schaut weg, die DFB-Statistik nennt ihn immer noch Rekordassistent, 92 Länderspiele, 23 Tore, ein Weltpokal. Doch die Debatte um das Foto mit Erdogan vom Mai 2018 ist in seinen Augen nicht abgeschlossen, nur verlagert. Er spricht nicht mehr über politische Absichten, agiert stattdessen: Parteiarbeit, Spendenreisen, Social-Media-Posts mit durchgestrichenem Israel. Die Karriere endete 2022 bei Bodrumspor in der türkischen dritten Liga, das neue Spiel läuft außerhalb des Rasens. Ob Deutschland je wieder anrufen wird? Özils Nummer ist bekannt, nur die Antwort nicht.