Owetschkin pulverisiert torauswahl-grenze: jetzt jagt er gretzkys letzten mythos

Alexander Owetschkin schlägt zu, das Eis zittert, die Zählwerke drehen durch. Mit seinem 1000. Treffer in der NHL hat der Russe am Sonntagabend nicht nur eine neue Dekade-Marke gesetzt – er hat dem kanadischen Urvater Wayne Gretzky die nächste Weißwand zwischen den Füßen weggespuckt.

Washington Capitals gegen Colorado Avalanche, drittes Drittel, Spielstand 2:2. Die Uhr tickt runter auf 11:46 Minuten. Owetschkin schnappt sich die Scheibe im linken Bullykreis, zieht parallel zur blauen Linie, zirkelt einen Slapshot aufs kurze Eck. Torhüter Alexandar Georgiev sieht nur noch die rote Lampe – 1000. Das Stadion tobt, doch der 40-Jährige stemmt die Arme in die Luft, als wäre es ein Freitagabend-Treffer in der Bezirksliga.

Rekordjagd wird zur dauerbaustelle

Die Rechnung ist schnell gemacht: 923 Tore in der regulären Saison, 77 in den Playoffs. Gretzky steht bei 1016. Vier Treffer fehlen. Noch elf Hauptrundenspiele stehen den Capitals bis zum Saisonende. Die Postseason? Pflicht, kein Wunsch. Denn jedes zusätzliche Spiel bedeutet zusätzliche Schüsse, zusätzliche Chancen, zusätzliche Geschichte.

Die Capitals liegen aktuell außerhalb der Wild-Card-Ränge. Das Team um Nicklas Bäckström und Tom Wilson muss sich entscheiden: Soll der Kader um Owetschkins letzte Jagd erneuert werden, oder riskiert man, dass die Legende ohne Playoff-Bühne auf 1005 oder 1007 Tore verharrt?

Betrachtet man Owetschkins Werk, wird klar, warum er anders ist als Gretzky. „The Great One“ dominierte mit Spielverständnis, mit Antizipation, mit einem Hockey-IQ, das bis heute unerreicht ist. Owetschkin ist ein Vulkan. Er schießt, trifft, schießt wieder. Erst 2018 führte er Washington zum ersten Stanley Cup – danach schrieben Analysten, er könne sich entspannt zurücklehnen. Stattdessen nahm er den Rekord von 894 regulären Saison-Toren auseinander und baute ihn auf 925 aus. Kein Ruhestand, kein Abstieg, nur Pulverdampf.

Die frage lautet nicht mehr „ob“, sondern „wann“

Die frage lautet nicht mehr „ob“, sondern „wann“

Gretzky selbst twitterte nach dem 1000. Tor nur ein Wort: „Wow.“ Es klang nicht wie Applaus, eher wie ein Schulterzucken des Vaters, der merkt, dass das Kind endlich schneller läuft als er selbst. Die NHL-Spieler haben Gretzkys Monument längst als Messlatte akzeptiert. Owetschkin aber schält die Statistik wie eine Zwiebel – Schicht für Schicht, Träne um Träne für die Historiker.

Die verbleibenden Gegner der Capitals lesen sich wie ein Who-is-Who der Western Conference: Vegas, Dallas, Colorado erneut. Alles Teams mit Top-Verteidigern, mit Tempo, mit Ruf. Aber keine Defensive der Welt hat eine Antwort auf Owetschkins Bumerang-Handgelenk, wenn er aus dem linken Kreis abzieht. Die Scouts nennen die Zone seit Jahren „Ovi Office“ – weil dort regelmäßig Akten verbrannt werden.

Wenn er Gretzkys Gesamtrekord übertrifft, bleibt nur noch eine Zahl: 122 Playoff-Tore von Wayne Gretzky. Owetschkin steht bei 77. Vier Stanley-Cup-Runden würden reichen, vorausgesetzt, Washington schafft den Sprung. Aber selbst wenn nicht – wer will ihm noch eine Grenze setzen? Der Mann schießt seit 22 Jahren in der besten Liga der Welt und trifft immer noch 50 Mal pro Saison. Sein Körper ist ein Ausbund an Widersprüchlichkeit: schwer wie ein Zementsilos, schnell wie ein Junioren-Stürmer, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Die Uhr tickt. Gretzky blickt nervös auf sein Handy. Und irgendwo in Arlington bereitet Owetschkin den nächsten Schlagschuss vor – keine Fanfare, kein mentales Drama. Nur Eis, Scheibe, Netz. Dann wieder von vorne. Die Jagd ist nicht mehr aufhalten, die Geschichte nicht mehr aufzuhalten.