Ost-fußball: 35 jahre nach der wende endlich die opferrolle ablegen?
35 Jahre nach dem Mauerfall schlägt Mathias Liebing mit „Plattgemacht“ einen Nagel in den ostdeutschen Fußball-Sarg – und zieht die Schublade gleich wieder auf. Sein Befund: Der Westen hat damals systematisch abgegriffen, der DFB verschlafen, die Klubs überfordert. Jetzt, endlich, wächst eine neue Generation heran, die die Opferrolle satt hat.
Die nacht, in der alles zerbrach
Liebing erzählt von einem Assistenten, den Bayer Leverkusen als Fotojournalist nach Wien schickte, damit er auf der DDR-Bank Kontakt zu den Stars knüpfte. Andreas Thom ging, andere folgten. Die Vereine blieben zurück – ohne Spieler, ohne Geld, ohne Konzept. „Innerhalb weniger Monate brach alles zusammen, was Jahrzehnte strukturiert hatte“, sagt Liebing. Die Kombinate lösten sich auf, die Dienststellen, die die Klubs finanzierten, verschwanden. Trainer, die in der DDR noch Lehrgänge absolviert hatten, galten plötzlich als antiquiert. Wer nicht fliehen konnte, wurde arbeitslos.
Die Folge: Ein geografisches Loch in der Bundeslandkarte. Heute schaffen es nur Union Berlin, RB Leipzig und Hansa Rostock sporadisch, die Topligen zu stützen. Die Regionalliga Nordost ist nach wie vor die einzige Staffel, in der ein Aufstieg über Play-offs geregelt ist – ein Detail, das westliche Verbandsfunktionäre bis heute blockieren. „Hochgradig ungerecht“, nennt Liebing das. Die Zahl spricht für sich: 14 der 36 Erst- und Zweitligisten kommen aus den neuen Bundesländern – bei 20 Prozent der Bevölkerung.

Opfermythos und selbstbetrug
Doch Liebing will nicht nur Klagen. Er sucht die Fehler im Osten selbst. „Der Opfermythos ist bequem“, sagt er. Cottbus schaffte es trotzdem in die Bundesliga, weil der Klub sich auf eigene Jugend und knallharte Sparpläne verließ. Union Berlin stieg auf, weil Präsident Dirk Zingler in den 90ern trotz Insolvenz und Oberliga nicht aufgab, sondern die Fans mitnahm und die Alte Försterei zu einem Lebensentwurf umbaute. „Er hat den Boxer wieder auf die Beine gehievt“, sagt Liebing. Die Lektion: Ohne Risikokapital und Mut bleibt der Osten ein Labor für schöne Niederlagen.
Die nächste Generation kann jetzt beweisen, dass der Osten mehr ist als Nostalgie und Trikotfahnen mit Hammer und Zirkel. Liebing sieht das Potenzial: günstige Immobilien, leere Stadien, Fans, die sich identitätsstiftende Gegenentwürfe wollen. „Heute ist der Ost-Fußball ein Experimentierfeld“, sagt er. Wenn jetzt die DFB-Strukturreform kommt, müsse der Osten endlich mitreden – nicht als Bettler, sondern als Partner. Die Zeiten, in denen der Westen die Talente abstaubte und die Reste liegen ließ, sind vorbei. Wer jetzt noch die Opferrolle zelebriert, spielt sich selbst aus.
