Oslo wirft die letzte kugel: simon, jeanmonnot und der 45-punkte-tanz ums kristall

Um 13.45 Uhr fliegt die erste Kugel über den Holmenkollen, und mit ihr die letzte Chance, sich diesen Winter unsterblich zu machen. Julia Simon führt die Massenstart-Wertung an, Lou Jeanmonnot führt die Gesamtwertung – und irgendwo dazwischen liegt ein Zwischenraum von 45 Punkten, der heute über Gold oder Silber entscheidet.

Die französinnen lassen niemanden außen vor

200 Punkte stehen bei Simon auf dem Konto, 155 bei Jeanmonnot, 146 bei Oceane Michelon. Drei Französinnen, ein Podest, ein Ziel: die kleine Kristallkugel. Keine deutsche Dame ist in dieser Rechnung mehr von Belang, für Janina Hettich-Walz und Co. bleibt nur der Wunsch, das Jahr nicht mit leeren Händen zu beenden. Doch das Rennen ist nicht gestrichen – es ist ein 30-Kilometer-Sprint gegen die Uhr, gegen die Konkurrentin, gegen die eigene Saison.

90 Punkte winken für den Sieg, 45 für Rang fünf. Reicht das? Jeanmonnot müsste Simon mindestens vier Plätze hinter sich lassen, Michelon sogar sechs. Die Streckenposten in Oslo kennen die Mathematik nicht, sie zählen nur Sekunden. Und Sekunden lügen selten.

Die deutsche bilanz ist schon jetzt rot

Die deutsche bilanz ist schon jetzt rot

Keine kleine Kristallkugel, keine große, keine Einzelwertung – das deutsche Biathlon-Frauen-Team erlebt sein erstes komplett trockenes Wintersemester seit 2005. Hettich-Walz wird heute trotzdem angreifen, denn ein Podestplatz wäre das erste seit Ruhpolding und würde zumindest die Flutlichter der Kritik etwas abmildern. Die Frage ist nicht, ob sie kann, sondern ob sie es nach 24 Rennen noch glaubt.

Die Favoritin trägt Blau-Weiß-Rot, nicht Schwarz-Rot-Gold. Simon hat in dieser Saison drei Massenstarts bestritten, zwei gewonnen, einmal Zweite. Ihre Schussquote liegt bei 91 %, ihre Laufgeschwindigkeit im Anschlag bei 93 % der Bestzeit. Das klingt nach Statistik, ist aber ein Psychospiel: Sie weiß, dass Jeanmonnot hinter ihr startet, und sie weiß auch, dass 45 Punkte bei einem Patzer schmelzen wie Schnee auf der Osloer Sonnenseite.

Der letzte schuss fällt meistens in den köpfen

Der letzte schuss fällt meistens in den köpfen

Die Athleten nennen es „End-of-season-head“: Das Hirn ist bereits im Skiurlaub, der Körper noch auf der Schneespur. Wer heute die Nerven behält, gewinnt nicht nur Kugeln, sondern auch Sommerruhe. Wer verliert, trägt die Last 181 Tage bis zum November in Antholz.

Um 15.30 Uhr ist alles vorbei. Dann steht fest, ob Simon die Saison mit zwei Kristallkugeln abschließt oder ob Jeanmonnot die große mit der kleinen eintauscht. Und dann wird auch klar, ob das deutsche Biathlon-Jahr mit einem Paukenschlag oder mit einem Flüstern endet. Oslo ist bereit, die Kugeln sind geladen – und die Zeit läuft schon, während wir diesen Satz lesen.