Oslo verflucht: reisch versinkt im nebel – ito stiehlt prevc den triumph
Der Holmenkollen war am Sonntag kein Ort für Helden, sondern für Realisten. Agnes Reisch schaute nach ihren beiden Flügen in die graue Wand aus Nebel und wusste: Auch der beste deutsche Sprung reicht heute nicht für mehr als Platz acht. Die Zahlen sind hart: 26,5 Punkte Rückstand auf Yuki Ito, 14 Treffer hinter der Japanerin, die in Oslo ihren zehnten Weltcupsieg feierte – und damit Nika Prevc die 18. Saisonniederlage bescheren konnte.
Ito nutzt die unsichtbarkeit als waffe
Der zweite Durchgang war ein Spiel mit dem Nichts. Die Sicht betrug kaum 50 Meter, die Jury hatte die Anlage auf 15 Meter verkürzt, doch Ito fand trotzdem die Linie. Ihre 126,5 Meter im Finale waren nicht nur die weiteste Weite des Tages, sondern auch eine Demonstration, wie man Druck in Gold verwandelt. 0,5 Punkte Vorsprung vor Nozomi Maruyama – so knapp war noch nie ein japanischer Doppelsieg in Oslo.
Prevc dagegen blieb erstmals seit 42 Tagen ohne Podium. Die 120-Meter-Doppelsprünge reichten nur zu Rang sieben, ihre schlechteste Platzierung seit dem Saisonauftakt in Lillehammer. Die Slowenin verlor nicht nur 41 Punkte auf Ito im Gesamtweltcup, sondern auch die Aura der Unbesiegbarkeit. „Ich habe heute einfach nicht das Gefühl gefunden“, sagte sie knapp – und verschwand im Teambus, ohne weitere Fragen zu beantworten.

Schmid findet in der luft wieder sich selbst
Katharina Schmid flog mit 115,5 Metern ins Ziel, atmete tief durch und lächelte. Platz 13 klingt nach Mittelmaß, war für sie aber ein Befreiungsschlag nach Wochen des Zweifels. „Ich habe endlich wieder gespürt, was es heißt, zu fliegen“, sagte die 29-Jährige, die seit Sapporo an sich zweifelte. Die Zahlen bestätigen den Aufwärtstrend: nach 17,8 Punkten Rückstand im ersten Durchgang holte sie im Finale 12,4 Punkte auf – die beste deutsche Aufholjagd des Tages.
Juliane Seyfarth profitierte vom Tailwind der deutschen Staffel: fünf Plätze gutgemacht, Zwölfte. Selina Freitag blieb hinter den Erwartungen, wurde 14. Anna Hollandt verpasste als 31. das Finale um 0,2 Punkte – eine Lücke, die so klein ist wie das Loch im norwegischen Nebel.

Die saison neigt sich dem ende zu – der kampf beginnt erst
In zwei Wochen geht’s nach Oberstdorf, dann nach Planica. Die Skifliegerinnen werden in den nächsten Tagen die Anlage am Kulm erkunden, wo Weiten jenseits der 200-Meter-Marke möglich sind. Für Reisch und Co. heißt das: Oslo war nur die Vorbereitung auf den echten Endspurt. 41 Punkte trennen Prevc von Ito im Gesamtweltcup – ein Vorsprung, der in der Luft über Slowenien schmelzen kann. Wer in Planica die Nerven behält, trägt am Ende nicht nur die Kristallkugel, sondern auch das Etikett der Unbesiegbaren. Die Saison ist längst nicht vorbei. Sie beginnt erst.
