Odermatt stolpert in kvitfjell – vor dem showdown zittert sogar der supermann

19. Platz. Ein Wort, das Marco Odermatt seit vier Jahren nicht mehr in den Mund nahm. Am Sonntag biss er sich in Kvitfjell darauf die Zähne aus. Der Superstar aus Nidwalden, sonst ein Garant für Top-3-Platzierungen, rutschte im letzten Super-G der Saison auf einen Rang ab, der selbst Routiniers blinzeln lässt.

Wind, material, kopf – nichts lief zusammen

Startnummer 15. 13:50 Uhr Ortszeit. Zu diesem Zeitpunkt peitscht der Föhn über die norwegische Hangkante. Odermatt spürt die Böen bereits in der Startkabine. „Ich habe das zuvor noch nie erlebt“, sagt er nach dem Rennen, „bei der Streckenbesichtigung fehlten mir Lust und Motivation.“ Trotzdem will er liefern. Doch die Skispitzen zittern, die Kanten greifen nicht, die Linie bleibt halbherzig. 1,28 Sekunden fehlen hinter dem überraschenden Sieger Raphael Haaser. Für jemanden, der Super-Gs sonst nach Millimetern entscheidet, eine Ewigkeit.

Christof Innerhofer, 34, selbst auf Platz 18 gelandet, kennt das Gefühl: „Der Wind drehte genau bei Marco. Dazu kommt: Wer die ganze Saison Vollgas gibt, spürt irgendwann die Lücke zwischen Muskel und Geist.“ Marc Girardelli, fünf Mal Gesamtweltcupsieger, sieht noch einen anderen Aspekt: „Er hat die kleine Kristallkugel schon sicher, da schaltet das Hirn automatisch einen Gang zurück. Das ist menschlich, aber tödlich für die Stopwatch.“

Kvitfjell bleibt sein persönlicher hexenkessel

Kvitfjell bleibt sein persönlicher hexenkessel

Statistisch ist der Norwegen-Standort das einzige Weltcup-Revier, auf dem Odermatt noch nie gewann. 2022 wurde er hier 28., nun wieder ein K.o.-Schlag. Kein Zufall, meint Materialchef Pirmin Zurbriggen: „Sein Setup ist auf 100-Prozent-Leistung getrimmt. Sobald die Kraft nachlässt, kippt das System.“ Der Beweis: Die Ski lagen auf, die Kanten brachen aus, die Linienwahl wirkte konservativ. Odermatt selbst schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Selbst mit dem besten Setup wäre ich scheisse gefahren.“

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In den letzten 40 Super-G-Weltcup-Rennen schaffte Odermatt nur zweimal kein Top-10-Ergebnis – beide Male in Kvitfjell. Der Ort ist zu seinem mentalen Bermuda-Dreieck geworden.

Nun droht die nächste entscheidung – 48 punkte vorsprung reichen nicht zum durchatmen

Nun droht die nächste entscheidung – 48 punkte vorsprung reichen nicht zum durchatmen

Am Dienstag steht der Riesenslalom in Saalbach-Hinterglemm an. 48 Punkte Vorsprung auf Lucas Braathen. Klingt nach Polster, ist es nicht. Ein Ausfall, ein Sturz, ein Fahrfehler – und die Gesamtwertung rückt in Reichweite. Felix Neureuther sieht den Rückschlag als „Wake-up-call“: „Manchmal braucht es einen Stolperstein, um die letzten Prozent Adrenalin freizusetzen.“

Odermatt selbst schüttelt die Schultern, als wolle er den norwegischen Staub abklopfen. „Das war kein cooler Abschluss“, wiederholt er, „aber ich bin noch nicht fertig.“ Die Saison endet entweder mit dem dritten Gesamtsieg in Folge – oder mit einem Drama, das selbst Netflix nicht erfinden könnte. Die Kugel ist greifbar nah, doch die Kante, auf der sie liegt, heißt Kvitfjell. Und die hat ihm gerade gezeigt, dass selbst Supermenschen mal Boden kontaktieren.