Odermatt krönt sich im super-g: sturm und schnee bringen ihm die vierte kugel
Ein Sturm peitscht Courchevel, die Piste ist gesperrt, das Rennen abgeblasen – und Marco Odermatt sitzt im Hotel, nippt an einem Espresso und besiegt alle ohne einen einzigen Schwung. Mit der Absage des zweiten Super-G in den französischen Alpen sichert sich der Schweizer am Sonntagmorgen seine vierte kleine Kristallkugel in dieser Disziplin hintereinander. 158 Punkte Vorsprung reichen, weil kein Gegner mehr kommt.
Die wetterkatastrophen spielen auf kommando
Die FIS-Meldung klingt wie ein Befehl an die Elemente: „Starke Schneefälle in der vergangenen Nacht machen die Piste unbespielbar.“ Kein Training, keine Probefahrt, keine Show. Das Organisationskomitee ringt um Worte, die Jury um Alternativen. Doch der Terminkalender ist ein Betonklotz: Nach Courchevel folgt nur noch Lillehammer, und dort steht bereits das Finale auf dem Programm. Nachholen? Fehlanzeige. Die Saison rast weiter, die Kugel bleibt liegen – und Odermatt hebt sie ab wie ein Geschenk vom Himmel.
Vincent Kriechmayr, Österreichs Hoffnungsträger, muss nun zuschauen, wie sich die 158 Punkte in Luft auflösen. Ein Rennen, maximal 100 Zähler – die Mathematik ist gnadenlos. Der Steirer wird zweiter, ohne je die Chance gehabt zu haben, noch einmal anzugreifen. „So gewinnt man Titel heute“, murrt ein Teamkollege im ÖSV-Lager, „nicut mit Skiern, sondern mit Meteo-Apps.“

Die serie, die keiner stoppen kann
2021, 2022, 2023, 2024 – vier Jahre, vier Super-G-Kugeln. Odermatt ist der erste, der diese Serie hingelegt hat, seit die FIS die Disziplinenwertung 1992 einführte. Dreißig Weltcuprennen, 22 Podestplätze, neun Siege. Die Zahlen wirken wie ein Tippfehler, aber die Zeitungsarchive bestätigen sie. Sein Geheimnis? Kein Geheimnis. „Ich fahre jeden Super-G so, als wäre es mein letzter“, sagte er einmal – und genau das tun seine Konkurrenten nicht.
Nun droht ihm ein historisches Quintett. Im Riesenslalom führt er mit 48 Punkten Vorsprung auf Lucas Pinheiro Braathen. Noch ein Start, noch eine Abfahrt, und Odermatt würde als erster Athlet seit Hermann Maier fünf kleine Kugeln in Folge in derselben Disziplin gewinnen. Der Brasilianer Braathen, frisch zurück aus einer Verletzungspause, spürt den Druck auf seinen Wadeleinsätzen. „Marco treibt uns alle zu Höchstleistungen“, sagt er, „aber er frisst auch die Luft, die wir atmen wollen.“
Die Saison neigt sich dem Ende zu, doch Odermatt ist noch lange nicht satt. In Lillehammer will er nicht nur die Riesenslalom-Kugel, sondern auch die große Kristallkugel polieren – die er übrigens schon in der Tasche hat. Drei Disziplinen, drei Titel, eine Dominanz, die selbst die alten Herren in der Swiss-Ski-Zentrale mit dem Kopfschütteln verfolgen. „Wir haben hier keinen Fahrer, wir haben eine Lawine“, sagt Nationalcoach Thomas Stauffer.
Und während die Schneekanonen in Courchevel weiter rattern, dreht Odermatt im Hotel die Musik leiser. Er weiß: Manchmal gewinnt man im Sport, weil man einfach nicht mehr fahren muss.
