Nibali packt aus: so sehr litt der hai beim zweiten giro-sieg

Vincenzo Nibali hätte beinahe aufgegeben. Zehn Jahre nach seinem zweiten Giro-Triumph gesteht der Sizilianer: „Ich hasste diese Rennen. Die Last der Erwartungen drückte so schwer, dass er nur noch mit allergischen Reaktionen, Tränen und dem Gedanken ans Aufhören durch die Dolomiten strampelte.

Die wahrheit über die runde, die ihn beinahe zerbröselte

Es war der 29. Mai 2016, als Nibali auf der Alpenpiste nach Risoul die Maglia Rosa übernahm. Die Bilder zeigen ihn am Lenker zusammengebrochen, das Gesicht im Fahrtenwind nass. „Befreiung“ nennt er das heute, damals war es pure Verzweiflung. „Ich kämpfte, aber mein Kopf war in Ketten“, sagt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. „Die Leute erwarteten, dass ich gewinne – und ich spürte jeden Atemzug dieser Erwartung.“

Was kaum jemand wusste: Nibali litt während fast jedes Giro unter heftigen Allergien. „Die Augen brannten, ich konnte kaum Luft holen, fühlte mich aufgeblasen. Die Ärzte sagten: ‚Falscher Alarm‘. Aber ich war krank.“ Nur in der Höhe, wo die Bäume schlapp machen, kam Luft in seine Lungen. Also fuhr er weiter. „Aufgeben war nie eine Option. Lieber Letzter als Aussteiger.“

Warum scarponi stehenblieb und kruijswijk in schnee rutschte

Warum scarponi stehenblieb und kruijswijk in schnee rutschte

Die Wendung brachte die berüchtigte Etappe über den Colle dell’Agnello. Steven Kruijswijk stürzte in eine Schneewand, Mikel Landa verlor Anschluss, und Michele Scarponi – einst Nibalis Rivalen – wartete auf ihn. „Scarpa war kein Domestike, er war ein Champion“, schwärmt Nibali. „Dass er für mich stehenbleibt, war ein Meisterstück der Bruderschaft.“

Mit 41 Sekunden Vorsprung auf Esteban Chaves rollte der Hai nach Turin. Die zweite Trophäe war ihm persönlicher als alle anderen. „2010 gewann ich die Vuelta – ein Jugendstreich. 2013 der Giro – die Initialzündung. 2014 der Tour – das Kunststück. Aber 2016 war die Rückbestätigung: Ich konnte nicht nur einmal, ich konnte wieder. Und das unter größtem Druck.“

Pogacar? „nein danke, den von heute möchte ich nicht sehen“

Pogacar? „nein danke, den von heute möchte ich nicht sehen“

Heute radelt Nibali noch 10 000 bis 15 000 Kilometer im Jahr, meist mit Freunden, manchmal mit seinen Töchtern Emma (12) und Miriam (2,5). „Ich bin Peter-Papa, der mitspielt“, lacht er. Geschäftlich arbeitet er mit Ducati an einem hochwertigen Italo-Bike und berät junge Fahrer. Über Tadej Pogacar, der gerade die Geschichtsbücher neu schreibt, sagt er nur: „Ich traf ihn am Anfang. Den von heute? Nein, danke. Der Junge tritt gegen die Historie an, nicht nur gegen seine Zeitgenossen.“

Die Welt da draußen beschäftigt ihn. Kriege, politische U-turns, wackelnde Sicherheiten. „Ich träume, dass nach jeder Krise das Rad zuerst zurückkehrt – als Symbol, dass das Leben wieder sicher wird. Wann? Weiß der Himmel. Aber bis dahin trete ich weiter in die Pedale. Weil Radfahren nicht nur Sport war. Es war meine Freiheit. Und die behalte ich.“