Neymar-fans brüllen sich heiser – ancelotti bleibt stur
Die Tribüne im Gillette Stadium klang wie ein Brasilianer-Carnaval, nur dass der Samba diesmal ein Namenslied war: Neymar, Neymar. Zweimal fielen die Tore für Frankreich, zweimal schallte der Refrain durch die Nacht von Foxborough. Die Selecao verlor 1:2, doch die Debatte, die danach entfacht wurde, ist größer als jedes Testspiel-Ergebnis.
Die leere in der zehn und der könig ohne krone
Carlo Ancelotti stand nach Abpfiff da wie ein Lehrer, der weiß, dass die Klasse über ihm diskutiert. Auf die Frage, ob Neymar die Differenz hätte ausmachen können, wich er aus: „Wir sprechen über die Spieler, die hier sind.“ Kein Wort des Mitgefühls, kein Hinweis auf eine mögliche Rückkehr. Der Italiener hatte schon vor Wochen klargemacht: Nur wer 100 % fit ist, fliegt nach 2026. Neymar zählt nicht dazu.
Der 34-Jährige selbst saß zu Hause in Santos, lauschte den Gesängen über Livestream und schickte prompt eine Audio-Nachricht ins Fanportal „De Olho No Peixe“: „Glücklich über die Liebe.“ Drei Worte, die klingen, als hätten sie 900 Tage Wartezeit hinter sich. Denn seit Oktober 2023, als er sich im Quali-Duell mit Uruguay das Kreuzband riss, war Neymar kein Nationalspieler mehr – nur noch ein Mythos in gelb.

Verletzungspech, pr-debakel, wm-trauma
Sein Comeback beim FC Santos war als Selbsttherapie gedacht: 80 000 Zuschauer, eine Liebeserklärung an sich selbst. Stattdessen folgten Muskelbündelrisse, Sprunggelenksirritationen, eine Operation nach der anderen. In 18 Monaten kam er auf gerade einmal 29 Pflichtspiel-Einsätze. Ancelotti, sonst ein Freund von Galácticos, ließ sich nicht erweichen. Die Botschaft: Geschichte zählt nicht, nur aktuelle Belastbarkeit.
Die CBF fürchtet ein zweites 2014, als ein halbfitter Neymar die Selecao trug und im Viertelfinale zusammenbrach. Die Marketingabteilung fürchtet das Gegenteil: ein Turnier ohne seine Trikot-Nummer 10, das in Asien Millionenweitergaben einbüßt. Zwischen Medizin und Moneten entscheidet sich jetzt ein Kaderplatz.

18. Mai – stichtag oder stichtod
Bis zur Nominierung sind es nur noch zwei Testspiele. Gegen Kroatien am Dienstag will Ancelotti sein letztes Puzzle zusammenstecken. Neymar trainiert derweil individuell, postet Sprintwerte, schickt versteckte Botschaften. „Ich kenne meine Qualität“, ließ er kürzlich durchsickern. „Und ich kenne meinen Einfluss.“ Selbstbewusstsein oder Verzweiflung – die Grenze verschwimmt.
Die Fans auf der Tribune haben schon gewählt. Ancelotti muss bis zum 18. Mai liefern. Entscheidet er sich gegen Neymar, wird Brasilien nicht nur einen Spieler, sondern eine Ikone zu Hause lassen. Entscheidet er sich für ihn, wettet er auf Magie statt auf Medizin. In Foxborough war die Antwort noch schallend klar. In Madrid, wo die Liste entsteht, herrscht jetzt betäubendes Schweigen.
