Napoli jubelt 45 minuten – dann platzt vergara, contes albtraum geht weiter

45 Minuten lang hielt Antonio Conte die Luft an, dann sackte Antonio Vergara im Seitenaus zusammen. Die Plantarfasziitis des 23-Jährigen riss den Partenopei mitten im Aufschwung aus der Bahn, zwang den Coach zur Pause-Panik-Umschichtung und warf die Frage auf: Wie viele Bänder, Sehnen und Faszien müssen in Neapel noch reißen, bis das Kartenhaus komplett einstürzt?

Der Zwischenstand? 1:0 gegen Turin, aber die Stimmung im Maradona war nach der Halbzeit schon wieder so düster wie der Dezember-Nebel über dem Vesuv. Vergara, acht Spiele in Folge in der Startelf, watschelte mit nackten Füßen und Tränen in den Augen in den Katakomben. Für ihn kam André-Frank Zambo Anguissa, selbst erst drei Tage zuvor wieder genesen – 93 Tage hatte der Kameruner zuvor nicht gekickt.

Conte zählt leiden: „das ist kein zufall mehr“

„Er spürte ein Stechen unter der Fußsohle“, sagte Conte nach Abpfiff, die Stimme heiser vom Rumoren der eigenen Gedanken. „Wir müssen dieses Jahr gesamthaft untersuchen. Das ist nicht normal.“ Der Coach sprach von einer „langen Liste“, die sich seit August endlos verlängert: Politano, Raspadori, McTominay – und jetzt auch noch Vergara, der Drehkreuz, den Conte gerade erst zum Motor machen wollte.

Die Mediziner vermuten Überlastung. 27 Pflichtspiele in 180 Tagen, dazu individuelles Hochgeschwindigkeits-Pressing, das Conte seit Winterpause zum Nonplusulter erklärt hatte. Die Daten: 114 intensive Sprints pro Partie, 11,2 Kilometer Laufleistung – Spitzenwerte in Serie A. Die Folge: Die Faszie unter der Fußwurzel entzündete sich, mikroskopische Risse, Schmerzlevel 8 von 10. Am Montag folgt die MRT-Untersuchung, am Dienstag die Prognose: mindestens vier Wochen Pause, vielleicht sechs.

Mctominay als notanker – aber wann?

Mctominay als notanker – aber wann?

Conte muss nun improvisieren. Gegen Atalanta in fünf Tagen droht erneut Löw-Block-System ohne echte Box-to-Box-Kraft. Scott McTominay, seit Wochen mit Adduktorenproblemen außer Gefecht, soll laut Klub-Quelle „vielleicht schon morgen“ wieder auf dem Trainingsrasen stehen. Aber: nur individuelles Programm, kein Team-Training, keine Zweikämpfe. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schotte am Sonntag in Bergamo durchstartet, liegt bei 30 Prozent – interne Schätzung.

Die Tabelle lügt nicht. Ohne Vergara kassierte Napoli in dieser Saison 1,8 Gegentore pro Spiel, mit ihm nur 0,9. Die Balleroberung in gegnerischer Hälfte sank von 48 auf 31 Prozent. Die Bilanz: vier Punkte aus den letzten fünf Partien ohne den Ex-Reggiana-Akteur. Die Champions-League-Ränge rücken in weite Ferne, nur noch drei Zähler Vorsprung auf Lazio auf Platz fünf.

Und draußen vor dem Stadion verkündeten schon die ersten Ultra-Gruppierungen via Megaphon: „Wenn wir bald keine Medizin finden, finden wir einen neuen Arzt.“ Conte selbst schloss sich der Revolte nicht an, aber seine letzte Satz-Fetzen klangen nach Ausrufezeichen: „Wir brauchen keine Wunder, wir brauchen einfach mal zwei Wochen ohne Krankenzimmer.“ Die Serie ab Montag: Lazio, Arsenal, Juve. Die Uhr tickt – und mit ihr die Faszien aller Partenopei.