Nairo quintana: vom höhenkind zur legende – ein porträt

Nairo Quintana, der Name hallt in der Welt des Radsports wider, doch seine Geschichte beginnt fernab von glitzernden Etappen und jubelnden Fans: in den Anden, in einem kleinen Bergdorf, wo die Luft dünn ist und die Traditionen tief verwurzelt sind. Ein neues Buch enthüllt die faszinierende Kindheit des kolumbianischen Fahrers und wirft einen Blick auf die Umstände, die ihn zu dem Champion gemacht haben, der er heute ist.

Cómbita: wo die kraft des gipfels wohnt

Inmitten der atemberaubenden Landschaft von Boyacá, rund 2800 Meter über dem Meeresspiegel, liegt Cómbita, der Geburtsort Nairo Quintanas. Ein beschauliches Dorf, dessen Name aus der Sprache der Muisca stammt und “Kraft des Gipfels” bedeutet. Hier, in dieser abgelegenen Region, wo die Landwirtschaft den Lebensrhythmus bestimmt – Kartoffeln, Mais, Erbsen, Gerste – wuchs ein Junge heran, dessen Leidenschaft für das Radfahren die Welt erobern sollte. Die Familie Quintana lebte auf der Loma del Moral, in einem einfachen, zweistöckigen Haus in zarten Blautönen, dessen Wände heute mit Wandbildern geschmückt sind, die Nairo in seinen erfolgreichsten Momenten zeigen – im Rosa Trikot der Giro, im Karohemd der Tour de France, im Roten Trikot der Vuelta.

Es war keine Familie im Überfluss, aber auch keine im Elend. Ein typisches Bauernleben in Boyacá, geprägt von harter Arbeit und dem Stolz auf das eigene Land. “Nicht arm, aber auch nicht reich”, wie Nairo selbst stets betont. Ein bescheidenes Haus, eigenes Land, ein paar Tiere, ein kleiner Laden, der das Überleben sicherte. Diese Frugalität ist jedoch kein Synonym für Armut, sondern vielmehr ein Ausdruck der bodenständigen Werte, die Nairo von Kindheit an geprägt haben.

Ein leben am rande des todes – die geschichte vom tentado

Ein leben am rande des todes – die geschichte vom tentado

Doch bevor Nairo Quintana seine Karriere als Profi starten konnte, stand er am Rande des Todes. Im zarten Alter von nicht einmal einem Jahr erkrankte er an “Tentado de difunto”, einer seltenen Krankheit, die vor allem in den Anden vorkommt und durch den Kontakt mit einem kürzlich Verstorbenen ausgelöst werden kann. Wochenlang litt er unter hohem Fieber, Durchfall und Erbrechen. Die Ärzte gaben wenig Hoffnung, doch dann, wie in einem Märchen, tauchte eine alte Frau auf, eine Heilerin, die ihr Wissen über Kräuter weitergab. Mit einem Rezept aus neun verschiedenen Bäumen, einem uralten Wissen der Muisca, konnte sie den Jungen retten. Eine Geschichte, die zeigt, dass manchmal die Medizin der Natur stärker ist als jede moderne Behandlung.

Der mythos beginnt: ein wettkampf gegen juan pistolas

Der mythos beginnt: ein wettkampf gegen juan pistolas

Die Leidenschaft fürs Radfahren entflammte sich mit der Zeit. Mit 15 Jahren bestritt Nairo seinen ersten Wettkampf – ein Duell gegen den legendären Juan Pistolas, dessen Name allein schon für sich sprach. Ein Wettkampf, der von Belarmino Rojas, einem Freund seines Vaters und Inhaber einer Glaserei in Arcabuco, organisiert wurde. Der Einsatz: 50.000 Pesos. Der Ort: Die steile Auffahrt zum Alto de Sota. Nairo, mit dem bestmöglichen Equipment ausgestattet, ließ Pistolas am Beginn des Anstiegs zurück und fuhr einen Sieg heraus, der ihn über Nacht zum Star machte. Belarmino Rojas wurde zu seinem Mentor, zu seinem Förderer, und legte damit den Grundstein für Nairo Quintanas kometenhafte Karriere.

Die Geschichte von Nairo Quintana ist mehr als nur die Geschichte eines Radfahrers. Sie ist eine Geschichte von Ursprung, von Tradition, von Widerstandskraft und von der magischen Kraft der Anden. Ein Porträt, das uns daran erinnert, dass selbst aus den bescheidensten Anfängen Großes entstehen kann.