Nagelsmanns zitterkurs: wirtz glänzt, sané stolpert – die wm-kader-bilanz
- Wirtz liefert die show – und droht musiala den rang abzulaufen
- Gnabry befreit sich – sané rutscht in die zweite reihe
- Die jungwilds – karl und brown erzwingen ihre nennung
- Undav trifft – und diskutiert sich trotzdem raus
- Stiller und vagnoman – die zeitläufer
- Fazit: siege ja, struktur nein – 80 tage bis zur nominierung
4:3 in Basel, 2:1 in Stuttgart – zwei Siege, ein Schnitt von drei Gegentoren. Julian Nagelsmanns DFB-Team gewinnt, aber es rumpelt. Die Nervosität vor der Heim-WM wächst mit jedem Ballverlust. Denn hinter den Toren zeigt sich: Nur drei Monate vor dem Turnier ist noch keine Position besetzt, kein Automatismus verlässlich. Die große Ausnahme: Florian Wirtz.
Wirtz liefert die show – und droht musiala den rang abzulaufen
Basel, 26. Minute: Ein Doppelpass mit Kai Havertz, ein Schlenzer aus 18 Metern, oben rechts ein. 35. Minute: Solo über halblinks, zwei Gegenspieler im Slipstream, 3:1. Zwei Tore, zwei Assists, ein Statement. Nach seinem holprigen halben Jahr in Liverpool meldet sich der 21-Jährige als Leader zurück – und macht Jamal Musialas Rückkehr zum Rätsel. Sollte der Münchner seine Muskelfaser nicht bis Mai vernähen, ist der Startplatz links außen vergeben. Kein Trainer wechselt einen Form-Weltklasse-Spieler aus.
Havertz selbst wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Das Elfmeter-Tor gegen Ghana kaschiert, dass ihm die letzte explosive Bewegung fehlt. Arsenal hat noch acht Pflichtspiele, um ihm die Frische zu verpassen. Die Uhr tickt.

Gnabry befreit sich – sané rutscht in die zweite reihe
Serge Gnabry hat die Sané-Schublade zugemacht. Nach 18 Treffern in 25 Pflichtspielen für Bayern München bucht er sich als Mr. Konstante. Musiala oder nicht – Gnabrys Ticket ist gestempelt. Bei Sané dagegen riecht es nach Bank. Die 0,5-Körper-Duelle in Basel verlor er, die Dribblings endeten im Nirgendwo. Nagelsmann reagierte: 63. Minute gegen Ghana, Auswechslung. Die Joker-Rolle beherrschte er dann souverän – Vorlage zum 2:1 –, aber WM-Startelf? Nur, wenn er bis 12. Mai bei Galatasaray zündet und die türkische Play-off-Statistik füllt.

Die jungwilds – karl und brown erzwingen ihre nennung
Lennart Karl kam, sah und zwang. 18 Minuten in Basel, 28 in Stuttgart: jedes Mal Tempo, jedes Mal direkte Duelle gewonnen. Die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor fehlte, doch Nagelsmann liebt seine vertikale Drohung. Ein gesunder Karl ist im 26er-Kader so gut wie sicher.
Noch spektakulärer: Nathaniel Brown. Sein Startelf-Debüt gegen Ghana war ein Befreiungsschlag für alle, die David Raums Defensiv-Statistik fürchten. Zweikampfquote: 70 %, kein einziger Ballverlust unter Pressing. Der 20-Jährige machte aus einer Notlösung eine Option. Raum muss aufpassen, sonst sitzt er im Juni auf der Bank.

Undav trifft – und diskutiert sich trotzdem raus
Deniz Undav wird in Stuttgart gefeiert, doch die Zahlen schreien: 73 Minuten, zwei Ballkontakte im Strafraum vor dem 2:1. Danach Interview-Sound: „Ich bin ein Neuner, der Tore macht.“ Nagelsmann mag Selbstbewusstsein, aber er liebt auch Arbeitsrate. Wer als Pressing-Spitze nur 9,3 Sprinte pro 90 Minuten zeigt, bleibt Joker. Die Konkurrenz heißt Niclas Füllkrug, realistischerweise auch Havertz und vielleicht ein reaktivierter Youssoufa Moukoko. Undavs Tor rettet ihn vor dem Abflug, nicht vor der Hierarchie.

Stiller und vagnoman – die zeitläufer
Angelo Stiller nutzte die Ausfälle von Pavlovic und Nmecha – halb. Er holte den Elfmeter heraus, verlor aber 56 % seiner Zweikämpfe. Gegen die schnellen Schweizer Mittelfeld-Läufe wirkte er wie ein aufgeklapptes Fahrplanbuch. Sobald Pavlovic am 7. Mai zurückkommt, rutscht Stiller auf Platz 27 in der Rangliste.
Josha Vagnoman indes vergab das, was Joshua Kimmich braucht: eine ruhige Alternative rechts. Sein Fehleinsatz vor dem 1:1 in Stuttgart war Lehrbuch-Material für „So nicht“-Trainer-Videos. 25 Jahre, 90 Sekunden Blackout – das kann der Bundestrainer in einem WM-Achtelfinale nicht riskieren.
Fazit: siege ja, struktur nein – 80 tage bis zur nominierung
Nagelsmann hat 80 Tage, um aus 30 potenziellen Nominierten 26 verlässliche WM-Roboter zu bauen. Die Siege gegen die Schweiz und Ghana sind Alibi-Pflaster über Risse, die bis in die Zentralmitte reichen. Die gute Nachricht: Wirtz liefert die Kreativität, Gnabry die Konstanz, Karl und Brown die Zukunft. Die schlechte: Sané, Undav und Co. müssen im Club nachlegen, sonntags reicht es nur noch für die Tribüne. Am 12. Mai fällt der Bescheid – bis dahin zählt jede Trainingseinheit, jeder Sprint, jeder Ballverlust. Die WM findet nicht im März statt, aber ihre Weichen werden jetzt gestellt.
