Nagelsmann zückt den rotstift: goretzka rauf, pavlovic zweifel

Julian Nagelsmann hat den Kalender markiert: 100 Tage bis zur WM. Und er hat den Mut, schon jetzt zu sagen, wer fliegt, wer rauf muss – und weshalb er Leon Goretzka wieder in die Startelf zaubern will, obwohl der beim FC Bayern gerade mal Joker ist.

Die Nachricht kommt ohne Blatt vor den Mund: „Entscheidungen, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen“, kündigte der Bundestrainer im kicker an. Klingt nach Drama. Und tatsächlich steht ein Umbruch bevor, der einige Bayern-Stars kalt erwischt.

Warum ausgerechnet goretzka?

Nagelsmann schwärmt von einem „richtig stabilen, zweikampfstarken Sechser“. Das klingt nach Nostalgie, aber es ist taktisch klar: Gegen robuste Gruppengegner wie Marokko oder Mexiko will er physische Präsenz. Goretzka liefert die Stats: 67 % Zweikampfquote in der Königsklasse, dazu 11 Ballgewinne pro 90 Minuten – beide Werte Top-5 im Bayern-Kader. Die Botschaft: Bank oder nicht, er passt ins Profil.

Die Ironie: Vor einem Jahr war er der Abgehängte der Heim-EM. Jetzt droht Joshua Kimmich die Abstellgleise. Der Kapitän wandert auf die Rechtsverteidiger-Position, weil im Zentrum Pavlovic, Undav & Co. den Platz verengen. Kimmichs neue Rolle ist kei Experiment, sondern Notlösung – und Nagelsmanns größte personelle Wette.

Pavlovic und die 95,5-prozent-falle

Pavlovic und die 95,5-prozent-falle

Aleksandar Pavlovic tritt mit Champions-League-Bestwerten an: 682 Pässe, 95,5 % Trefferquote. Zahlen, die selbst Toni Kroos neidisch machen würden. Doch Zahlen lügen nicht – sie verstecken auch nicht, dass der 21-Jährige in Topspielen noch keine 90 Minuten durchgestanden ist. Nagelsmann fordert „Durchschlagskraft im letzten Drittel“. Genau das liefert Pavlovic erst seit Kurzem: Vor drei Wgen der 3:0-Auswärtsshow gegen Leverkusen der entscheidende Steilpass zum 2:0. Ein Szenario, das den Bundestrainer schwärmen lässt: „Er kann Spiele öffnen wie ein Schweizer Taschenmesser.“

Doch der Platz ist eng. Mit Stiller und Nmecha buhlen zwei weitere Hochkaräter um denselben Fleck. Wer nicht liefert, fliegt – egal wie schön die Passquote ist.

Lennart karl: zwischen bank und traum

Lennart karl: zwischen bank und traum

18 Jahre, 27 Profi-Einsätze, zuletzt zweimal 90 Minuten nur mit der Wärmjacke. Lennart Karl spürt den Druck. Nagelsmann sieht trotzdem „ein Eins-zu-eins-Monster“, lobt seine Fähigkeit, „von rechts nach innen auf den linken Fuß zu ziehen“. Klingt nach Jamal-Musiala-Light. Der Haken: Ohne Rhythmus kein Ticket. „Junge Spieler brauchen Selbstvertrauen, und das bekommt man nur mit Spielzeit“, sagt Nagelsmann unmissverständlich. Karl muss liefern – und zwar schnell.

Die Uhr tickt. In den nächsten sieben Bundesliga-Spieltagen wird Kompany rotieren, Experimente wagen. Für Karl heißt es: Jede Minute zählt doppelt.

Serge gnabry: der heimliche gewinner

Serge gnabry: der heimliche gewinner

Während andere zittern, lacht Serge Gnabry. Vier Tore in den letzten sechs Partien, darunter das Siegestor gegen Leipzig. Die Stats: 0,62 Tore je 90 Minuten, beste Quote aller deutschen Offensivspieler in den Top-5-Ligen. Nagelsmann schätzt die Routiere, die in Turnieren durchschlagen. Gnabry liefert genau das: Torgefahr plus Erfahrung aus Russland 2018 und Qatar 2022. Solange Musiala und Havertz nicht bei 100 Prozent sind, ist Gnabry gesetzt – und wahrscheinlich auch danach.

Die kader-regel nagelsmanns

Die kader-regel nagelsmanns

Wer bis Mai nicht mindestens 1.200 Minuten auf dem Feld steht, muss bangen. Das hat der Bundestrainer intern kommuniziert. Knapp 15 Feldspieler werden mit nach Amerika fliegen, 8-9 Startplätze sind noch offen. Die Botschaft: Leistung vor L egende, Form vor Namen.

Am 15. Mai wird Nagelsmann seinen 26-köpfigen Kader verkünden. Bis dahin wird jeder Pass, jeder Sprint, jedes Tor gewogen. Für Goretzka, Karl und Pavlovic heißt es: Jetzt oder nie. Die WM-Uhr tickt – und sie macht keinen Halt vor Stars.