Nagelsmann zieht goretzka-karte – und riskiert den aufstand im dfb-kader

Julian Nagelsmann legt seine Karten auf den Tisch, bevor überhaupt gelaufen wird. Leon Goretzka fährt zur WM, obwohl er beim FC Bayern derzeit nur die Bank wärmt. Die Ansage des Bundestrainers klingt wie ein Geschenk an einen alten Freund – und wie eine Drohung an den Rest des Kaders.

Der befreiungsschlag, der keiner ist

Nagelsmanns Begründung ist so einfach wie gefährlich: Goretzka bringe Wucht, Kopfballstärke und die Fähigkeit, in den Sechzehner zu gehen. Ein Profil, das sonst niemand in der DFB-Elf bietet. Klingt nach handfester Taktik, ist aber ein Pokerspiel mit offenen Karten. Denn wer schon jetzt einen Stammplatz zugesichert bekommt, ohne sich sportlich durchzusetzen, der demotiviert die, die sich gerade in Schale werfen.

Die Szene in Dortmund war ein Spiegelbild: Goretzka durfte in der Nachspielzeit ran – als Notnagel. Trainer Vincent Kompany schont ihn, um ihn nicht zu verheizen. Nun soll er in Katar plötzlich wieder zum Leitwolf mutieren. Die Logik daraus? Keine.

Die jungen werden vertröstet – und vergrault

Die jungen werden vertröstet – und vergrault

Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha haben sich in den letzten Monaten in die Stammplatzdiskussion gespielt. Beide laufen regelmäßig, beide zeigen Temposchübe, beide schuften für ihre Minuten. Dass ihnen nun ein Bankdrücker vorgezogen wird, schmeckt nach hierarchischem Stillstand statt nach leistungsorientierter Frische. Der Effekt ist vorhersehbar: Die Jungen lernen, dass Durchsetzungsvermögen auf dem Platz weniger zählt als Status und Vergangenheit.

Die WM ist kein Entwicklungsprogramm, das stimmt. Aber sie ist auch kein Altersheim für eingefleischte Repräsentanten. Wer schon vor dem Turnier Komfortzonen schafft, der verliert den Anschluss an eine Generation, die sich gerade hochgearbeitet hat.

Nagelsmann baut sich seine eigende baustelle

Nagelsmann baut sich seine eigende baustelle

Mit seiner Aussage erledigt Nagelsmann zwei Dinge auf einen Schlag: Er erzeugt Druck auf Goretzka, der nun liefern muss – und er erzeugt Misttrauen bei denen, die sich selbst in Form spüren. Die Frage ist nicht, ob Goretzka in der Lage ist, eine gute WM zu spielen. Die Frage ist, ob es klug ist, Leistungsprinzip und Glaubwürdigkeit schon vor dem Flug nach Katar anzuzweifeln.

Der Bundestrainer setzt auf Erfahrung, weil sie in der Theorie Stabilität verspricht. Tatsächlich aber riskiert er, dass seine Mannschaft in ein Turnier startet, in dem schon vor dem ersten Pfiff die Hierarchie brockelt. Wer Bayern-Bank und Nationalmannschaft-Stammplatz verbindet, der erfindet eine neue Fußballlogik – und die endet selten mit dem Pokal in der Hand.