Nagelsmann wirft die wm-startelf schon jetzt durcheinander
Julian Nagelsmann hat mit seinem Testspiel-Kader einen K.o.-Check veranstaltet – und neun Profis weitgehend die Sicherheitsweste für die Auftaktpartie gegen Curaçao angezogen. Die restlichen zwei Plätze im Juni-Elfenbein werden zum offenen Poker: Zweite Sechser-Position, nomineller Zehner, vielleicht sogar die Neun. Dahinter steckt ein Kalkül, das weit über die Partien gegen die Schweiz und Ghana hinausreicht.
Warum sané trotz bank drinbleibt
Leroy Sané spielt in Istanbul gerade mal Joker-Rollen, trotzdem flog er ein. Nagelsmann zitierte „Spielzeit in der Rückrunde“ und „Explosivität“, doch der wahre Grund ist ein anderer: Mit seinem Linksfuß kann der 29-Jährige im 4-2-2-2 sowohl die halbrechte Innenposition als auch die Außenbahn besetzen – ein Flexibilitätswert, den Karim Adeyemi oder Ridle Baku nicht liefern. Der Bundestrainer verlangt Optionen statt Einbahnstraßen.
Dieselbe Logik erklärt die Rückholung von Deniz Undav. Der Stürmer liefert Pressingresistenz plus Torquote (0,62 Tore je 90 Minuten in dieser Premier-League-Saison) und ist bereit, als mobile Neun zu fungieren, sollte Kai Havertz erneut in den Kreuzbanddünen stecken bleiben. Nagelsmann will keine reine Ersatzbank, sondern Pläne B bis D.

Die große ziehung im mittelfeld-zentrum
Pascal Groß ist kein Medienliebling, sondern intern längst ein Leitwolf. Brighton-Coach Fabian Hürzeler schickte Videos an Köln, in denen Groß 32 Ballgewinne in zwei Spielen initiiert – Nagelsmann ließ sich überzeugen und setzte den 33-Jährigen sofort auf die Shortlist für Pavlović’ Sechser-Partner. Felix Nmecha wiederum profitiert aus der Not: Seine Dynamik zwischen den Linien soll Goretzkas Torgefahr ergänzen, sollte der Bayern-Mann doch auf der Zehn landen. Die Entscheidung fällt erst im Mai-Camp in South Carolina.
Ein Name fehlt dagegen komplett: Robert Andrich. Der Leverkusener war Nagelsmanns EM-Entdecker, doch seine Saison ist von Taktik-Fehltritten und Gelb-Rot-Sperren übersät. Die Botschaft: Stabilität zählt mehr als Sympathie. Wer sich nicht stabilisiert, fliegt – selbst wenn er zuletzt noch Nationalheld war.

Der fahrplan bis zum 14. juni
Nach den Testspielen folgt ein 14-tägiges Lehrgangs-Camp in Winston-Salem, wo Nagelsmann erstmals mit 29 statt 26 Spielern arbeiten darf. Dort wird er das Mittelfeld-Modell 4-2-2-2 gegen Curaçao-Videoanalysen testen und die automatisierten Anspielstufen einstudieren, die er gegen Schnellstürmer wie Ecuador verlangt. Danach reist die Mannschaft nach Miami – und dort entscheidet sich, wer von den beiden verbliebenen Startelf-Plätzen neben Pavlović und vor der Abwehr tatsächlich sein wird.
98 Tage vor dem Eröffnungspfiff ist klar: Die deutsche WM-Maschine läuft bereits auf Hochtouren. Und Julian Nagelsmann sitzt am Steuer – mit der Hand am Rotor, statt auf dem Autopiloten.
