Nach preuß-ende: tannheimer gesteht deutsches biathlon-loch ein
Die Medaille rutschte durch, das Team zerbrach. Julia Tannheimer spricht offen aus, was der DSV lieber verschweigt: Ohne Franziska Preuß fehlt der deutschen Damen-Staffel die Siegmaschine.
Die 20-Jährige steht in Kontiolathi vor dem Einzel – und vor der Frage, ob sie selbst zur neuen Anführerin heranwachsen kann. „Die absolute Weltspitze ist derzeit ein Stück entfernt“, sagt sie im Gespräch mit Sport1. Kein Jammern, nur Feststellung. Die Zahlen sprechen für sich: Letzte Saison holte das DSV-Quartett in 13 von 22 Rennen Podestplätze, in dieser Spielzeit gerade einmal vier.
Generation zwei-klick kommt – aber wann?
Tannheimer zählt auf: Selina Grotian, Marlene Fichtner, Johanna Puff, Julia Kink. Allesamt Junioren-Weltmeisterinnen, allesamt zwischen 19 und 23 Jahren. „Viele von uns kommen gerade aus dem Juniorenbereich oder sind nur knapp darüber hinaus“, sagt sie. Gemeint ist: Die Lernkurve ist steil, aber noch nicht steil genug. Die Konkurrenz schläft nicht. Norwegen setzt auf Ingrid Landmark Tandrevold, Frankreich auf Justine Braisaz-Bouchet – Athletinnen, die bereits WM-Gold und Olympiasieger-Trophäen im Regal stehen haben.
Der Verlust von Preuß wiegt schwerer als gedacht. „Sie ist mit uns joggen gegangen, hat uns mitgenommen und gezeigt, wie vieles funktioniert – auf und neben der Strecke“, erinnert sich Tannheimer. Ein Mentoring-Modell, das es so neu nicht mehr gibt. Vanessa Voigt und Janina Hettich-Walz sind erfahren, aber auch sie stehen laut Tannheimer „in einer Phase, in der man über neue Wege nachdenkt“. Spricht man mit Insidern, heißt das: Beide schielen auf Familiengründung, beide haben Verträge nur noch bis 2027.

Mailand-cortina war kein märchen, sondern eine absage
Ihre ersten Olympischen Spiele werden Tannheimer als leeres Stadion in Erinnerung bleiben. „Wir waren komplett unter uns und hatten in Antholz keinerlei Berührungspunkte mit anderen Sportarten“, sagt sie. Keine Eröffnungsfeier, keine Abschlussparty. „Das hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt.“ Sportlich lief es mittelprächtig: Platz 20 im Sprint, Platz 34 in der Verfolgung, Rang vier mit der Staffel – keine Medaille. Die deutsche Biathlon-Dynastie, einst geprägt von Kati Wilhelm und Martina Beck, wirkte auf einmal wie ein Start-up ohne Funding.
Heute um 17:05 Uhr steht in Kontiolathi das 15-km-Einzel auf dem Programm. Eurosport und HBO Max übertragen live. Für Tannheimer ist es mehr als ein Rennen – es ist ein Test, wie weit sie von der Spitze tatsächlich entfernt ist. Die Uhr tickt. In drei Jahren sind die nächsten Spiele in der Heimat: Val di Fiemme 2030. Bis dahin muss das Team nicht nur stabiler, sondern auch schneller werden. Die Konkurrenz schläft nicht. Und die deutschen Fans gewöhnen sich nicht an Platz vier.
