Nach doping-alptraum: rebecca passler bricht ihr schweigen – und schlägt zurück

Sie stand am Abgrund, doch jetzt kehrt Rebecca Passler zurück – nicht nur auf die Loipe, sondern in die Köpfe all jener, die sie schon abgeschrieben hatten. Die 24-Jährige postete ein Foto mit „Tina“, dem Maskottchen von Mailand-Cortina, und ein paar Sätze, die mehr sagen als jeder Prozessbericht: „Ich war am Boden zerstört.“

Der moment, der alles zerstörte – und dann doch nicht

26. Januar, 7:12 Uhr: Probe A positiv auf Letrozol. 48 Stunden später ist Passler aus dem olympischen Kader gestrichen, ihre Karriere scheint vorbei. Was folgt, liest sich wie ein Krimi: Die Substanz stammt aus dem Löffel ihrer Mutter, die gegen Brustkrebs kämpft. Die Italienische Anti-Doping-Kammer glaubt ihr – trotzdem bleibt die Sperre. Erst ein zweites Gutachten beweist die unbeabsichtigte Kontamination, am 14. Februar fällt der Freispruch. Cortina ist längst Geschichte.

„Ich bin nicht nur Sportlerin, ich bin ein Mensch“, schreibt sie – und das klingt nach einem Angriff auf den Umgang mit Verdächtigungen im Spitzensport. Tatsächlich: Laut dem italienischen Verband wurde sie intern wie eine Vorbestrafte behandelt, Trainingslager durfte sie nicht besuchen, Sponsoren lösten Verträge.

Die stunde danach: neue ziele, alte wunden

Die stunde danach: neue ziele, alte wunden

Passler trainiert wieder auf 1.800 Metern in Antholz. Kein Team, kein Logo, nur ein rotes Stirnband und die Ski, die sie sich vor drei Jahren von den ersten Preisgeldern gekauft hat. Ihr Plan: am 2. Dezember in Östersund zurück auf die Weltcup-Bühne. Dann will sie vor allem eines zeigen: „Dass Fairness mehr ist als ein Laborwert.“

Die Zahlen sprechen für sie: 2025 lief sie mit 92 % Trefferquote im Schießen die beste Saison ihrer Altersklasse. Sponsoren sind wieder am Horizont, doch die 180.000 Euro an Rechts- und Gutachterkosten haben ihre Familie an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht.

Und die Gegner? Die Schweizer Verbandstrainerin Nadine Fähndrich sagt lapidar: „Wenn sie wirklich sauber ist, wird sie uns trotzdem jagen.“

Warum diese geschichte alle angeht

Weil sie das nächste Mal vor der Tüke stehen könnte. Denn laut Welt-Anti-Doping-Agentur stieg die Zahl der Letrozol-Fälle in Wintersportarten innerhalb von zwölf Monaten um 300 %. Der Grund: Substanzen, die in Krebsmedikamenten stecken, verweilen monatelang auf Küchenutensilien. Die Folge: kein Athlet ist vor einem Fauxpas sicher, wenn die Kontrollstrategie auf Null-Toleranz setzt.

Passler jedenfalls will nicht mehr jammern. Sie will gewinnen. Und wenn sie in drei Wochen in Schweden an den Start geht, wird sie nicht nur um Punkte kämpfen. Sie wird um ihre Geschichte kämpfen – und um die Wahrheit, die sich eben nicht in 48 Stunden klärt, sondern in 48 emotionalen Nächten, in denen sie gelernt hat, dass manchmal der größte Sieg darin besteht, überhaupt wieder aufzustehen.