Murat yakin zieht die strippen: schweiz auf der kippe zur wm-sensation
Fast fünf Jahre lang schon lenkt Murat Yakin durch Furt und Tränen, durch Sieg und Niederlage. Nun, auf der Zielgeraden zur WM 2026, zeigt sich ein Coach, der sich selbst überholt hat – und dabei die nationale Elf auf Zen-Frequenz schaltet.
Der bruder als radar
Hakan Yakin sieht das Spiel mit anderen Augen. „Muri riecht Taktik wie ein Barometer Temperatur“, sagt er und meint damit jene Sekundenbruchteile, in denen ein Match kippt. Die Zahlen geben ihm recht: Seit Sommer 2021 holte die Nati unter Murat 2,1 Punkte pro Partie, schoss in 42 Spielen 63 Tore und kassierte nur 33. Doch Statistik ist nur das halbe Blatt. „Er liest Gesichter, nicht Excel“, erklärt Hakan. Wer einmal in der Kabine stand, weiß: Yakin schaltet nicht nur Systeme um, sondern Seelen.
Die Methode? Sich selbst zur Zielscheibe machen. Pressekonferenzen, Fan-Events, Sponsorentunnel – Yakins Kalender quillt über, damit seine Profis atmen können. „Er baut ein Schutzschild aus sich selbst“, nennt das Hakan. Resultat: Die Mannschaft bleibt im Schatten, während der Coach die Brennpunkte bedient. Eine simple Rechnung, die selten aufgeht – außer bei Murat.

Die leise kurskorrektur
Früher galt er als Dauerdiskutant, heute als Dauergarant. Yakin habe gelernt, „mal stillzustehen, statt lautzureden“, sagt der Bruder. Das zeigt sich in Mikro-Entscheidungen: Ein Wechsel in der 57. Minute gegen Frankreich, der die Dreierkette zur offensiven Raute verändert – und die Partie dreht. Oder der Verzicht auf den erfahrenen Sommer-Captain, weil ein 19-Jähriger mehr Tempo garantiert. Daten? Fehlanzeige. „Er spürt, wann ein Knie zittert und wann ein Herz aufgeht.“
Diese Intuition kostete ihn zwischendurch Freundschaftspunkte in der FIFA-Rangliste, liefert aber jetzt einen Kader, der in den Startlöchern zittert. Xhaka, Freuler, Akanji – allesamt in ihrer primeschen Sweet Spot-Phase. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ wiederholt Hakan den Satz wie ein Mantra.

Endspiel statt endspurt
Vertrag bis 2028 unterschrieen, Konjunkturprogramm gestartet, Talenttank bis 2010 durchgepflügt – Yakins Plan trägt die Handschrift eines Mannes, der weiß, dass nach der WM ein Abriss droht. „Er baut nicht nur für dieses Turnier, sondern für die Schweiz-Version danach“, sagt Hakan. Das klingt nach Mythos, ist aber Alltagsarbeit: Ein halbes Dutzend Analysten filtert Gegner-Tendenzen, zwei Psychologen begleiten die U21 in den Profi-Alltag, ein ehemaliger Cirque-du-Soleil-Trainer arbeitet an Körperspannung. Budget: 4,3 Millionen Franken. Ergebnis: eine Mannschaft, die sich selbst antreibt.
Und der Bruder? Wird er jemals Co-Trainer? Hakan lacht, schüttelt den Kopf. „Er hat seinen Kopf, ich habe meinen. Muri braucht keine Kopie, er braucht Konkurrenz.“ Genau diese Haltung macht die Schweiz gefährlich. Kein Duo, kein Dogma – nur ein Coach, der vor der größten Bühne steht und endlich die Frage beantworten will, die ihm seit Jahren auf der Stirn brennt: Gehört er zu den Großen oder nur zu den Guten?
Die Antwort kommt nicht aus dem Rechner, sondern aus 90 Minuten Wahnsinn. Und aus einem Mann, der sich selbst zur Zielscheibe macht – damit seine Elf endlich ins Ziel sprintet.
