Moritz müller schlägt alarm: „wir brauchen einen drecksack, kein power-point-taktiktraining“

Der Mann, der Deutschland jahrelang mit kaputten Zähnen und gerissenem Jersey aus der Kabine führte, sitzt in Zürich vor dem Monitor und schüttelt den Kopf. Moritz Müller, 40, hat gerade das 0:2 gegen Lettland gesehen – und was er da erlebte, löst bei ihm kein Kopfschütteln mehr aus, sondern blankes Entsetzen. „Die Offensive war ein Schatten. Ich hatte das Gefühl, die könnten 60 weitere Minuten spielen – kein Tor“, sagt er, während hinter ihm die Schweizer Bande für Montagabend schon auf Heimspiel-Stufe aufheizt.

Warum müller gerade jetzt einen rüpel vermisst, den es gar nicht mehr gibt

Kreis’ System lebt von schnellem Umschaltspiel, von vertikalem Passspiel, von Überzahl vor dem gegnerischen Tor. Alles schön auf dem Papier. Nur: Wenn keiner mehr bereit ist, diese schönen Linien mit Schmackes zu füllen, bleibt eben genau das – Papier. Müller lacht bitter: „Wir haben Spieler, die wissen, wo die Lücke ist. Aber keiner, der da reinrumpelt, sie mit dem Gesicht sucht, wenn es sein muss.“

Die Statistik ist gnadenlos: zwei Spiele, ein einziges Tor, 57 Schüsse, Torhüter-Save-Quote 88,9 Prozent – das reicht hinten und vorne nicht. Lettland spielte am Freitag nicht einmal besonders gut, sie spielten nur konsequent den deutschen Schwächen entgegen. „Wenn du keinen Drecksack im Kader hast, der mal eben die Schultern aufstellt und sagt ‚So nicht, Freunde‘, dann läuft dir irgendwann die ganze Mannschaft die Butter vom Brot“, erklärt Mücker, wie ihn die Kölner Fans nennen.

Das meeting, das laut müller mehr bringen muss als phrasen

Das meeting, das laut müller mehr bringen muss als phrasen

Kreis hat in den vergangenen 48 Stunden drei Videoeinheiten abgehalten, zwei Spielformen verändert und die Reihen neu gemischt. Alles Standard. Müller fordert jetzt einen anderen Ton: „Nicht nur ein Meeting der Spieler, sondern angeleitet. Einer muss die Folie wegnehmen und sagen: ‚Jungs, wir spielen morgen 6 gegen 4, wenn’s sein muss.‘ Dann entsteht Glaube.“

Er selbst sagte aus persönlichen Gründen ab, wollte sich als erster nicht auf die Liste schreiben lassen, obwohl die Stimmung in der Halle ihn noch immer elektrisiert. „Wenn du mit 40 noch mal in der Kabine stehst und die Jungs siehst, wie sie die Köpfe hängen lassen, willst du automatisch wieder Knieschoner schnallen. Aber du kannst nicht mehr, weil du weißt: Der Körper lügt dich an.“

Montagabend, 20.20 Uhr, Schweiz gegen Deutschland. Ein Spiel, das schon am zweiten Turniertag zum Stichwort werden kann. Die Schweizer haben sechs Tore geschossen, die Eidgenossenschaft jubelt, die deutsche Anhang fragt sich, ob das eigene Team jemals wieder trifft. Mücker kneift die Augen zusammen: „Wenn wir gegen die Schweiz wieder nur schöne Pässe spielen und keiner mal eben den Schlittschuh vor den Schutzblech schiebt, fliegen wir verdient nach Hause.“

Und dann sagt er etwas, das selbst dem letzten Optimisten die Kehle zuschnürt: „Eishockey ist kein Schach. Manchmal musst du einfach nur die Figur umschmeißen, damit das Brett wackelt. Wir haben keine Figuren mehr, die umschmeißen dürfen.“