Menotti: der fußball-philosoph, der deutschland verzauberte
César Luis Menotti, der argentinische Weltmeistertrainer und visionäre Denker des Fußballs, ist tot. Mit seinem Ableben im Alter von 85 Jahren verliert die Welt eine der prägendsten Figuren des Sports – ein Mann, der den Fußball nicht nur verstand, sondern auch in poetische Worte fasste. Sein Einfluss reicht weit über seine Erfolge hinaus und berührt bis heute Trainer und Fans weltweit.
Von der wm-rückschläge zur argentinischen größe
Die Geschichte Menottis ist eng mit der des deutschen Fußballs verwoben, beginnend mit der WM 1974. Während die deutsche Nationalmannschaft um Beckenbauer und Müller ihren goldenen Moment feierte, erlebte Argentinien unter Vladislao Cap ein desaströses Turnier. Das 0:4 gegen die Niederlande offenbarte den dringenden Bedarf an einem Neuanfang. Menotti, damals gerade mit CA Huracán argentinischer Meister, wurde zum Hoffnungsträger ernannt und war mit 35 Jahren sogar jünger als Julian Nagelsmann heute.
Seine Amtszeit mündete in Argentiniens erstem Weltmeistertitel 1978. Mit einem formidablen Kollektiv um Passarella und Kempes besiegte er die niederländische Auswahl nach Verlängerung. Die WM legte den Grundstein für eine lange Rivalität mit Deutschland, die in den Finalspielen 1986 und 1990 ihren Höhepunkt fand. Doch Menotti war mehr als nur ein erfolgreicher Trainer; er war ein „Welterklärer des Fußballs“, wie ihn die FAZ nannte.

Fußball als kunstform und gesellschaftsspiegel
Menotti war ein Freund der Kunst – nicht nur im Fußball. Als TV-Experte und Autor vermittelte er seine Ideale und seine Liebe zum Spiel. Er feierte Trainer, die seine Vorstellungen teilten, und kritisierte reinen Ergebnisfußball scharf: „Für mich ist Fußball etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen, haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden.“ Seine philosophischen Betrachtungen über Fußball verbanden sich stets mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen, indem er auf Schriftsteller wie Borges und Maler wie Picasso Bezug nahm.
Besonders beeindruckt zeigte sich Menotti von der deutschen Nationalmannschaft ab 2006. Das „Sommermärchen“ im eigenen Land hatte ihn endgültig überzeugt: „Seit 2006 spielen sie im Kollektiv wagemutig, ja geradezu verwegen“, lobte er. Er sah in Joachim Löw den Hauptverantwortlichen für diese Entwicklung, eine „Revolution des guten Geschmacks“.
Menottis Vermächtnis ist mehr als nur eine Sammlung von Titeln. Es ist die Erinnerung an einen Mann, der den Fußball als Kunstform und Gesellschaftsspiegel betrachtete – ein Mann, der die Schönheit des Spiels zelebrierte und die Welt damit bereicherte. Sein Einfluss wird auch in Zukunft spürbar sein, eine bleibende Hommage an einen außergewöhnlichen Fußballer und Denker.
