Medvedev zertrümmert seine rackete – und mit ihr seine aura
Sechs Schläge. Sechs dumpfe Aufschläge auf das rote Ziegelstaub von Monte-Carlo. Dann fliegt der Schläger, halbiert, in den Mülleimer. Daniil Medvedev, die Nummer 4 der Welt, hat sich selbst demontiert – 0:6, 0:6 gegen Matteo Berrettini, die bitterste Niederlage seiner Karriere.
Der moment, als der russe die kontrolle verlor
Nach 52 Minuten stand alles fest. Berrettini hatte den ersten Satz mit einem Bagel abgeliefert, im zweiten Durchgang das Break zum 2:0 nachgelegt. Medvedev schlug einen Vorhand-Longline ins Netz, starrte den Ball an, als hätte er ihn betrogen – und begann sein Ritual. Racket auf den Court. Wieder. Und wieder. Die Arena gähnte, das Publikum pfiff schließlich jeden weiteren Schlag.
Der Stuhlschiedsrichter zückte das Warning, doch das Spiel war längst entschieden. Berrettini spielte sich in einen Flow, der an seine US-Open-Halbfinals erinnerte; Medvedev wirkte wie ein Gast auf dem falschen Ranglistenturnier. Error, Error, Winner – aber nur bei Berrettini. Der Russe schlug 18 Vorhandfehler in 14 Games, seine Erstaufschlagquote brach auf 48 % ein.

Warum diese klatsche wehtut
Monte-Carlo galt als Medvedevs Frühjahrs-Testlabor. Auf Sand, seinem Lieblingsbelag, wollte er beweisen, dass die Australian-Open-Pleite gegen Sinner nur ein Ausrutscher war. Stattdessen liefert er die erste Doppel-Bagel-Pleite seit seiner Juniorenzeit. Die Statistik: kein einziges Breakball, nur 29 % gewonnene Punkte hinter dem zweiten Aufschlag – Zahlen, die selbst Qualifikanten blass werden lassen.
Im Mixed Zone ratterte er die Standardfloskeln herunter – „war nicht mein Tag“ –, doch seine Augen wirkten wie ausgebrannt. Berrettini dagegen lachte, als man ihn fragte, ob er Mitleid gehabt habe: „Nein. Auf dem Court gibt es keine Freunde. Nur Aufschlag und Return.“

Die folgen: ranglisten-angst und rasen-druck
Mit dem Null-Punkte-Wochenende rutscht Medvedev auf Position fünf der Live-Rangliste. Noch wichtiger: das Selbstvertrauen vor dem Rasen-Slam in Wimbledon, wo er 2021 ins Finale gestürmt war, bekommt einen Riss. Die Saison hatte bislang 14 Siege und 5 Niederlagen gebracht – jetzt kommt die sechste, und sie schmerzt besonders, weil sie lautlos geschah.
Am Ende hob ein Balljunge die zerbrochenen Racket-Reste aus dem Käfig, während Medvedev durch den Tunnel verschwand. Für einen Mann, der sonst mit schierer Länge und kalter Berechnung glänzt, war dieses 6:0, 6:0 ein Absturz in die eigene Unnahbarkeit. Monte-Carlo wird ihn nicht vergessen – und er wird Monte-Carlo nicht vermissen.
