Matthäus wird 65: warum er trotz hämatom und hänseleien nicht aufhört
Lothar Matthäus spült seinen Geburtstagskuchen mit einem Schluck Selbstironie runter. „Rente? Habe ich nicht vor“, sagt er am Tag, an dem er 65 wird – und schon wieder läuft er zur Kamera, statt zum Ruhestand.
Sky, rtl, interwetten – die verträge sind sein vitamin b12
Die Sendeanstalten buchen ihn nicht, weil er einst 150-mal für Deutschland spielte, sondern weil er mit 65 noch dieselben Jeans trägt wie mit 35. Die Figur hält, das Ego auch. „Topfit bin ich nicht mehr“, gibt er zu, „aber ich habe noch die gleiche Größe wie vor 30 Jahren.“ Ein Kompliment klingt das nicht, eher eine Kampfansage an jeden, der glaubt, Experten müssten jünger werden, je älter der Ball wird.
Die Schulter schmerzt seit dem Skiunfall, Laufen geht nicht, also qualmt er auf dem Ergometer. Fünf- bis sechsmal pro Woche, 50 Minuten, Stabilisationsübungen davor, Frust danach. Die Operationen hat er vergessen, die Terminkalender nicht. Matthäus redet vom Tod, ohne in Pathos zu verfallen. Beckenbauer und Brehme starben binnen sechs Wochen – „da denkt man öfter ans eigene Ende“. Die Lehre: öfter ans Telefon gehen, seltener ans Mikrofon denken. Darum organisiert er Treffen der Weltmeister von 1990, als seien sie ein Verein, der Abstieg drohe.

Hoeneß schimpft – matthäus lacht
Uli Hoeneß nennt ihn „RTL-Experte“ wie einen Schimpfwort. Matthäus antwortet nicht mit Pfefferspray, sondern mit Gelassenheit. „Jeder darf sagen, was er denkt.“ Das klingt wie ein Zitat aus einem Manual für Medientraining, aber er meint es ernst. Die Macht der Formulierung liegt darin, dass er keine Gegenschlag braucht. Seine Glaubwürdigkeit speist sich aus der Unbestechlichkeit, mit der er sogar den FC Bayern attackiert, wenn die Außentemperatur der Leistung sinkt.
Die Champions League blieb ihm verwehrt – zweimal Finalniederlage, 1987 und 1999, beide Male 1:0 zur Pause, 1:2 am Ende. Er nennt die Niederlagen „Arrangements mit dem Schicksal“, als hätte er sie schon lange abgeschrieben. Nur ein Transferwunsch nagt noch: 1991 wollte er zu Real Madrid, Inter Mailand ließ ihn nicht ziehen. Jetzt, im Viertelfinale, trifft Bayern auf Madrid. Matthäus tippt 60:40 für die Münchner – nicht aus Sentiment, sondern weil er Vinícius weniger egoistisch sieht, aber trotzdem Bayern eingespielter findet.

Der kapitän, der nie aufhört zu führen
Er war 29, als er in Rom die Trophäe hob, aber seine schönste Erinnerung ist nicht das 1:0 gegen Argentinien, sondern der Moment, als er auf den Elfmeter verzichtete und Brehme schießen ließ. „Das war Größe“, sagt er selbst, als habe er damit schon damals seine TV-Karriere vorbereitet: Entscheidungen treffen, dann dafür einstehen. Heute will er nicht der beste Experte sein, nur ein ehrlicher. Das reicht, um Sender zu beleben und Zuschauer zu spalten.
Am Abend feiert er nicht im Nobelclub, sondern im Stadion. Dort, wo einst sein Pass die Linien öffnete, sitzt er jetzt und kommentiert Dortmund gegen Hamburg. Die Uhr tickt, die Kameras auch. Matthäus weiß, dass seine Rente nicht in Euro gemessen wird, sondern in Sendeminuten. Solange der Countdown läuft, läuft er mit – 65 Jahre alt, 150 Länderspiele, unendlich viele Meinungen. Und keine Pause.
