Márquez wirft den siegstrumpf: „ich greife an, sobald ich es spüre“

Er kennt jede Kerbe, jede Schräge – und trotzdem steht Marc Márquez in Austin vor seiner härtesten Hausaufgabe. Sieben Siege hat er auf dem Circuit of the Americas eingefahren, doch die letzte Datierung ist 2021. Seitdem schreibt Marco Bezzecchi die Chronik um: vier Siege in Serie, 101 Runden an der Spitze, ein Rythmus, der selbst die Honda-Truppe zum Schweigen bringt.

„Ich bin noch nicht der alte marc, aber ich spüre, wie sich die schichten lösen“

Die Zahl 101 nagt an ihm. „Jede davon habe ich mitgezählt“, sagt er leise, während sich die Lüfte über Texas bereits mit Motorenlärm füllen. Der Spanier spricht nicht in Schlagworten, sondern in Einzelnoten: Schmerz, Fortschritt, Ungeduld. „Wir haben Speed, klar. Aber aus 1:36,4 wird nur dann 1:36,0, wenn ich in Kurve elf zwölf Meter früher Gas geben kann – und das fünfmal hintereinander.“

Die Statistik lügt nicht: Im Qualifying lag er drei Zehntel zurück, in der Rennsimulation acht. Bezzecchi dagegen rattert wie ein Uhrwerk durch die drei Sektorarten, die Austin in einer einzigen Runde erfindet: schnell, technisch, stop-and-go. „Er bremst später, dreht schneller, verbraucht weniger Reifen – das ist kein Hexenwerk, das ist harte Arbeit“, so Márquez, der die Ducati-Daten am Bildschirm studiert wie ein Komponist seine Partitur.

Aprilia oder ducati? „die maschine ist nur so gut wie der pilot, der sie tritt“

Aprilia oder ducati? „die maschine ist nur so gut wie der pilot, der sie tritt“

Beim Stichwort „Materialfrage“ zuckt er mit den Schultern. „Ich fahre für Aprilia, ich fahle für mein Team – und am Ende für mich.“ Die Regelwerks-Debatte, die Ducati in den vergangenen Jahren dominierte, lässt ihn kalt. „Vor zwei Jahren wollte jeder die Bologneser verbieten, heute sind es die Noale-Leute. Morgen sind wir dran. Der Kalender hat 22 Kapitel, nicht nur eins.“

Der erste Sektor – zwöf Kurven in 55 Sekunden – gilt als Prüfstand. Wer hier zu spät ankommt, verliert 0,15 Sekunden pro Ecke. „Das Addiert sich auf 20 Runden zu drei Sekunden. Daraus wird schnell ein siebter Platz statt ein Podium“, rechnet er vor. Das klingt nach Mathematik, ist aber Selbstchirurgie. Kein Wunder, dass er nach Brasilien schon wieder die Physiotherapeuten rief: „Ich muss die Schulter bis 280 Grad drehen können, ohne dass das Gefühl kommt: Jetzt bricht’s weg.“

Die frage nach dem angriff: „wenn ich es spüre, gehe ich. wenn nicht, sammle ich punkte“

Die frage nach dem angriff: „wenn ich es spüre, gehe ich. wenn nicht, sammle ich punkte“

Sein Plan klingt simplel, ist aber radikal. „Vierte statt fünfter – das kann am Ende der Saison zehn Punkte bedeuten.“ Die letzten zwei Rennen endeten mit einem Crash und einem vierten Platz. „Ich könnte sagen, Pech. Aber in MotoGP ist Pech nur die Abkürzung für zu langsam.“ Also simulierte er nach Brasilien noch einmal zehn Startvorgänge auf dem Rollenprüfstand, bis das Kupplungsgefühl so saß wie ein Maßanzug.

Die Fans haben ihm ein Tattoo stechen lassen: MM93 über einer Texas-Fahne. „Wenn Kinder das zeigen, frage ich mich: Was ist, wenn ich nie wieder gewinne?“ Die Antwort liefert er sich selbst – mit einem Grinsen, das mehr Ehrgeiz als Selbstzweifel offenbart. „Sobald ich das erste Mal wieder 1:36,0 schaffe, schicke ich die Signale ans Gehirn: Jetzt darfst du wieder glauben.“

Samstag, 15:00 Uhr Ortszeit, Startaufstellung. Dann zählen wieder Sekunden, nicht mehr Jahre. Und Márquez weiß: „Wenn die Ampeln erlöschen, ist die 101 vorbei – oder sie wird 102. Beides liegt an mir.“