Kretzschmar gründet dreisiebenmedia: jetzt packt der handball-guru den markt selbst an
Stefan Kretzschmar schmeißt das Handball-System um. Der Ex-Füchse-Boss, TV-Preisbandiger und Ur-Charakter der Liga gründet mit zwei digitalen Scharfschützen die Agentur dreisiebenmedia. Kein Berater-Deal, kein Honorartablett – ein echter Startup-Coup.
Warum der schritt gerade jetzt kommt
Der 53-Jährige zündet seine Rakete mitten im Jubiläumsjahr „Jahrzehnt des Handballs“. Die Szene jammert seit Jahren über fehlende Sichtbarkeit, verknappte TV-Gelder und TikTok-Kids, die lieber Fußball-Kurzfassungen liken. Kretzschmar reagiert nicht mit Statements, sondern mit einem Businessplan. „Ich habe gesagt, dass sich etwas ändern muss. Jetzt mache ich es selbst“, zitiert ihn der Vertraute Kreis. Dahinter steckt die Erkenntnis: Content allein nützt nichts – es muss Haltung und Handlung liefern.
Mit an Bord: Jari Brüggmann, 29, Ex-Leiter Digitale Medien beim HSV Handball, und Lennart Wilken-Johannes, 30, Dyn-Kommentator mit BWL-Board-Erfahrung. Brüggmann bringt die Story-Maschine, Wilken-Johannes das Zahlenwerk. Kretzschmar liefert das Marken-Feuer. Die Mischung will neue Formate erfinden – vom Dokustrip bis zur Markenaktivierung, vom Podcast bis zur Ticketing-Kampagne, alles aus einer Hand.

Was dreisiebenmedia anders macht
Statt 08/15-Sponsoring-Paketen schneidert das Trio maßgeschneiderte Erzählungen. Beispiel: Ein Bundesligaspieler bekommt nicht nur ein Instagram-Posting, sondern eine crossmediale Mini-Doku, Podcast-Gastauftritt und ein NFT-Drop mit Charity-Anteil. Marken zahlen nach Erfolg, nicht nach Reach. „Wenn das Spiel zu Ende ist, fangen wir an“, sagt Brüggmann – ein Seitenhieb auf Vereine, die nach dem Schlusspfiff sofort die Heimreise buchen.
Die Preise sind durchsichtig: Keine versteckten Agentur-Pauschalen, stattdessen Success-Fee-Modelle. Das zieht gerade jene Clubs an, die seit Corona leergefegte Kassen haben. Erste Gespräche laufen mit der Handball-Bundesliga (HBL), dem Deutschen Handball Bund (DHB) und zwei A-Nationalspielern, die ihre Markenrechte selbst vermarkten wollen.

Die kontostand-frage
Investoren? Keine klassischen. Kretzschmar, Brüggmann und Wilken-Johannes haben ihre Ersparnisse gebündelt – knapp 450.000 Euro Startkapital. Das reicht für zwölf Monate Burn-Rate, also Druck pur. Aber genau das mag der ehemalige Linkshänder: „Ohne Druck kein Drehschlag“, sagt er und meint damit die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs. Sollte dreisiebenmedia nach zwölf Monaten schwarze Zahlen schreiben, peilt man eine Series-A-Runde von zwei Millionen an – laut Insider bereits vorverhandelt mit einem Streaming-Dienst, der Sport-Dokus ausbauen will.
Die größte Herausforderung bleibt die Fragmentierung der Zielgruppe: Jugendliche schwimmen auf TikTok, Ü30 stickt bei Facebook und Handball-Urgesteine schalten zwischen Sport1 und Dyn ein. dreisiebenmedia will alle Kanäle bedienen – mit demselben Athleten, derselben Story, aber unterschiedlichem Schnitt. Ein Algorithmus misst, welche Version am meisten Conversions bringt. Daten statt Daumen.
Die erste große Testphase startet im September mit der VELUX EHF Champions League. Ein deutscher Topklub – Name steht noch unter NDA – lässt sich ein ganzes Season-Package ausliefern. Erfolg definiert sich nicht nur über Followerwachstum, sondern über Merchandise-Umsatz und Ticket-Conversion. Läuft das Modell, könnte es Schule machen und klassische PR-Agenturen verdrängen, die bislang mit Standard-Konzepten arbeiten.
Für Stefan Kretzschmar ist das Projekt mehr als Nebenjob – es ist seine Rückkehr aufs Spielfeld, diesmal ohne Klebeband und Schweißgeruch. Wenn dreisiebenmedia klappt, winkt ein Geschäftsmodell, das andere Sportarten kopieren werden. Scheitert es, bleibt wenigstens ein Satz hängen: Der Handball verändert sich nur, wenn man ihn selbst verändert. Und genau das hat der Mann mit der Irokesenfrisur jetzt getan.
