Marchesetti trifft in der 2. kategorie und schließt den kreis aller italienischen ligen ab
Mattia Marchesetti schoss sich in die Geschichtsbücher – und brach danach in Tränen aus. Mit dem Treffer für Trescore in der lombardischen 2. Kategorie, Girone I, wurde der 42-Jährige am Sonntag erst der vierte Spieler überhaupt, der in allen sieben italienischen Spielklassen vom Amateurbereich bis zur Serie A getroffen hat.
Ein jahr nagende angst, zehn sekunden erlösung
„Es war eine Obsession“, sagt er, noch immer heiser vom Weinen. „Jeder fragte ‚Wann triffst du endlich?‘ Ich wollte diesen Rekord um jeden Preis.“ Seit Wochen hatte er den entscheidenden Schritt herbeigesehnt; das Leder musste nur noch ins Eck kullern. Als der Schiedsrichter dann auf Zeigstellung zum Anstoßpfiff blies, brach im Stadion von Trescore kollektive Ekstase aus – samt Coach und Mitspielern, die sich wie Schuljungen auf dem Rasen umarmten.
Die Liste der Ausnahme-Torschützen ist kurz: neben Marchesetti stehen Giuseppe Godeas, der mit 43 Jahren noch in der Promozione traf, sowie die beiden früheren Profis Arturo Di Napoli und Roberto Colussi. „Ich schreibe Godeas gleich, wir haben in Mantova zusammen gespielt. Jetzt sind wir im allerkleinsten Klub“, lacht Marchesetti, der seine Karriere mit mehr als 100 Toren beendet – und jeden einzelnen im Kopf behält. „Stadium, Jahreszahl, Torschuss – alles abrufbar wie in einer Datenbank.“

Abschied nach 22 jahren – mit dem ball in der tasche und dem herz in seria a
Der Angreifer kündigt seinen Rücktritt an. „Ich werde zur letzten Partie kommen, mich verabschieden, dann reicht’s. Ich bin 42, habe mein Pensum erfüllt.“ Die Zukunft soll auf der Bank statt im Strafraum stehen: „Ich möchte Trainer werden, am liebsten in einem professionellen Nachwuchs-Leistungszentrum. Den Kids beibringen, dass man auch in der 2. Kategorie Geschichte schreiben kann, wenn man dran glaubt.“
Seinen Premieren-Treffer in der Serie A erlebte er 2003 mit dem Chievo Verona – ein Tor, das bis heute Familienstunk kriegt. „Ich zeige meinen Söhnen regelmäßig das Video: Zanchetta schlägt den Ball, ich laufe hinter Paolo Cannavaro her und schiebe Sébastien Frey aus. ‚Schaut her, Papa war auch mal jung‘, sage ich dann.“ Auch Julio Cesar taucht in seinen Erinnerungen auf: „Nach dem Training blieb er immer, um mit mir zu kicken. Unglaublich, was der mit dem Fuß konnte – manchmal spielte er in Spielchen sogar im Mittelfeld und stach nicht einmal heraus.“
Doch das schönste Tor? Abseits von TV-Kameras und Millionen-Deals. „Playoff-Halbfinale mit Cremonese gegen Südtirol, 2001. Ich war 21, das Stadion platzte aus allen Nähten, die Leute skandierten meinen Namen. Das war purer Selbstgebräu – und schmeckt noch heute.“
Der letzte Treffer war der erste in der 2. Kategorie und der Endpunkt einer Reise quer durch Italiens Fußball-Landschaft. Marchesetti verlässt den Rasen mit einem Lächeln, das länger strahlt als jede Flutlichtanlage: „Mein Kreis ist geschlossen. Mehr geht nicht.“
