Mainz 05 vor dem jahrhundert-spiel: erstes viertelfinale der clubgeschichte gegen straßburg

Mainz 05 steht kurz vor dem größten internationalen Match seiner 120-jährigen geschichte. Im Mewa-Forum empfängt der FSV am Donnerstag Racing Straßburg – und ein Tor zum Halbfinale der Conference League wäre der finale Beweis: Der traditionsreiche Rheinhessen-Verein hat sich in Europas zweiter Reihe festgebissen.

Ein dorf voller rot, ein stadion voller sehnsucht

„Alle in Rot“ lautet die Devise, und tatsächlich färben sich seit Tagen nicht nur die Fassaden am Brückenkopf, sondern auch Supermärkte und Kneipen in Karmin. 2.000 Auswärtstickets für das Rückspiel in Straßburg waren innert Minuten weg – 160 Luftkilometer, aber eine Reise in ein anderes Universum für viele Fans, die 2017 beim 0-2 in Gibraltar ihre erste Europapokal-Auswärtserfahrung buchten und nun nach Frankreich reisen, als wäre es ein Nachbarschaftsspiel.

Urs Fischer spricht von einem „historischen Spiel“, und doch wirkt der Coach erstaunlich runtergekocht. Der 60-Jährige weiß: Die 3. Bundesliga-Siege in Folge haben Mainz Luft verschafft, aber sie haben auch den Blick frei gemacht für diese eine Nacht, in der ein einziger Treffer die Saison von gut zu unvergesslich katapultieren kann.

Amiri-frage bleibt offen – taktische faust auf dem tisch

Amiri-frage bleibt offen – taktische faust auf dem tisch

Nadiem Amiri trainierte diese Woche wieder mit der Gruppe, doch Fischer hält die Karten versteckt. „Wenn er auf der Bank sitzt, kann er spielen. Sonst säße er nicht da“, sagt der Schweizer mit einem Schmunzeln, das so viel bedeutet wie: Ihr bekommt nichts geschenkt, nicht einmal eine Info. Die Wahrscheinlichkeit, dass Amiri spätestens für eine halbe Stunde eingewechselt wird, steigt mit jeder Stunde – schließlich braucht Mainz gegen das starke Straßburger Mittelfeld einen Dirigenten, der Tempo und Pässe in einem Körper vereint.

Racing Straßburg kommt als Tabellenführer der Gruppenphase, mit fünf Siegen, einem Remis und einer Offensive, die in der Ligue 1 selbst Paris St.-Germain Probleme bereitete. Die Truppe von Chefcoach Mathieu Le Scornet schwankte zuletzt in der Liga, doch die Conference League ist ihr Prestigeobjekt – und sie kennen deutsche Mannschaften: Schon 2022 schickte Strasbourg den Frankfurter Adler in der Gruppenphase nach Hause.

Zahlen, die die nerven kitzeln

Zahlen, die die nerven kitzeln

Mainz hat in dieser Saison erst ein Europapokal-Heimspiel verloren – 0-1 gegen Olmütz, als schon alles klar war. Die Breitseite danach: 11 Tore in den letzten drei Heimspielen, kein Gegentor aus dem Spiel heraus. Straßburg kassierte in seinen Auswärtsspielen der Gruppenphase nur zweimal – beide Male nach Standards. Genau dort liegt die größte Stärke der Nullfünfer: Dominik Kohr und Stefan Bell haben zusammen schon sieben Kopfballtore erzielt.

Die Fans spüren die Schwächephase der Franzosen. „Wir haben gesehen, wie Rijeka sie geärgert hat“, sagt Paul Nebel, der mit 22 Jahren schon wie ein Veteran spricht. „Wenn wir früh drücken, wird ihre Hintermannschaft wackeln.“

Von der abstiegszone ins viertelfinale – der fischer-effekt

Von der abstiegszone ins viertelfinale – der fischer-effekt

Der Blick zurück: Als Fischer im Februar das Zepter übernahm, stand Mainz auf Relegationsplatz 16. Drei Monate später ist der FSV Sechster, acht Punkte Vorsprung auf Rang 16. Der Coach strich die Automatismen, stellte das Mittelfeld um, ließ Lee Jae-sung wieder ins Zentrum wandern und setzte Paul Nebel als vertikalen Raketenstart. Die Bilanz: 23 Punkte aus zehn Spielen – nur Leverkusen war in diesem Zeitraum besser.

Jetzt droht die Versuchung, die Serie auf zwei Fronten zu spielen. Fischer aber blockt ab: „Wir denken nicht an das Halbfinale. Wir denken an den ersten Zweikampf, den ersten Pass, den ersten Sprint.“ Seine Spieler lachen, weil sie wissen: Genau diese Sprüche haben sie in die Tabellenmitte katapultiert – und jetzt sollen sie ins europäische Halbfinale tragen.

Ein sieg würde mainz über nacht in einen neuen kompetenzbereich beamen

Ein sieg würde mainz über nacht in einen neuen kompetenzbereich beamen

Die Conference League zahlt fürs Erreichen des Halbfinals rund drei Millionen Euro Prämie. Für Mainz wäre das nicht nur sportlich ein Quantensprung, sondern auch wirtschaftlich. Die Schuldenbremse der Liga, die Gehälter-Obergrenze, die Nachhaltigkeitsvorgaben – alles wird ein wenig weicher, wenn die Kasse klingelt. Sportdirektor Niko Bungert sagt es so: „Wir haben uns das verdient – mit Spielern, mit Fans, mit dem ganzen Verein.“

Doch zuerst muss Racing Straßburg überwunden werden. Die Franzosen haben in dieser Saison erst ein einziges Auswärtsspiel in der Conference League verloren – 0-2 in Istanbul. Das war im Oktober. Seitdem sind sie ungeschlagen. Mainz braucht also eine Leistung, die an das 3-0 gegen Union erinnert, an das 4-1 gegen Gladbach – nur mit noch mehr Mut, noch mehr Risiko.

Die stunde der wahrheit naht

Die stunde der wahrheit naht

Am Donnerstag um 21 Uhr wird das Mewa-Forum nicht mehr nur ein Stadion sein. Es wird ein Brennpunkt der Region, ein Symbol dafür, dass ein Traditionsklub mit kluger Führung, leidenschaftlichen Fans und einem Trainer, der nie laut wird, aber immer trifft, die eigene Grenze verschieben kann. Wenn Mainz gewinnt, steht am 16. April in Straßburg nicht nur ein Halbfinale auf dem Spiel, sondern die Einsicht: Der Underdog von einst ist längst ein europäischer Mittelmehrer.

Und falls es nicht reicht? Dann bleibt ein Frühling, den niemand in Rheinhessen je erlebt hat – und die Gewissheit: Dieses Team wird nicht mehr verschwinden. Die Conference League hat Mainz 05 endgültig auf dem europäischen Radar verankert. Rot ist nicht mehr nur eine Trikotfarbe. Es ist ein Signal.