Liverpool lässt „you’ll never walk alone“ lautlos rauschen – und wird lauter denn je
Sieben Minuten vor Anpfiff verstummt der Babelsberg auf Anfield – und dann geben 54.000 Hände den Ton an. Finger schnellen nach oben, Handflächen weiten sich, Daumen berühren Brust: „You’ll Never Walk Alone“ in Gebärdensprache. Zum ersten Mal in der 132-jährigen Geschichte des FC Liverpool singt der ganze Stadionblock stumm mit. Kein Wort, nur Bewegung. Und keine Gänsehaut bleibt aus.
Die Aktion ist kein einmaliger PR-Gag. Carlsberg und der Klub haben Fanslators verpflichtet, die künftig vor jeder Partie der Reds – Männer wie Frauen – Hymne und Ansagen live in British Sign Language übersetzen. Schon beim 2:0 gegen Westham United formten sich die vier markanten Wörter in den Reihen: „You’ll“ (Zeigefinger weg), „Never“ (Hand kreuzt den Hals), „Walk“ (zwei Finger laufen über die andere Hand), „Alone“ (Daumen zeigen auf die Brust). Selbst King Kenny Dalglish, 73, applaudierte auf der Ehrentribüne mit flinken Fingern.
Studie liefert die begründung für das schweigen
Die Zahl, die Liverpool zum Umdenken zwang: 81 Prozent der 1.250 befragten gehörlosen Fußballfans aus fünf Ländern erklärten, sie wollten mitsingen, könnten aber nicht. 74 Prozent fühlten sich dadurch von der Atmosphäre entfremdet. Die Konsequenz: Viele meiden Stadien und Pubs komplett. Für den FC Liverpool ein Unding – schließlich verkauft der Verein sich weltweit mit dem Versprechen von Zugehörigkeit. „Wenn unsere Hymne nur hörbar ist, halbieren wir unsere Botschaft“, sagt Rishi Jain, Director of Impact beim LFC. „Gebärdensprache bringt den Text in die Reihen, die ihn nie akustisch erfassen konnten.“
Der goldene Himmel, den Gerry Marsden 1963 in die Charts schmetterte, wurde für taube Anhänger endlich sichtbar. In den nächsten Monaten schult Carlsberg zudem 800 Stadionmitarbeiter im Umgang mit hörgeschädigten Gästen. Getränkebestellungen per App, gebärdensprachliche Notfallhinweise, spezielle Dienstleister-Laufbahnen – das Konzept trägt intern den Arbeitstitel „Silent Kop“. Denn laut wird es auf der Tribune erst, wenn alle mitsingen können – auch ohne Stimme.
Die Bilder vom Wochenende machten bereits die Runde durch soziale Netzwerke. Innerhalb von 24 Stunden sammelte der Hashtag #SignForLFC über fünf Millionen Aufrufe. Andere Premier-League-Klubs haben nachgefragt, wie das Ganze technisch umgesetzt wurde. Die Antwort ist simpel: keine Technik, nur Menschen. Zwei professionelle Dolmetscher stehen vor dem Block, eine riesige Leinwand wiederholt die Gesten im Loop. Der Rest ergibt sich, weil Liverpool-Fans schon immer Nachahmungswettbewerbe lieben.
Für Lynsey Woods, Global Brand Director bei Carlsberg und selbst Tochter einer hörgeschädigten Mutter, ist die Kampagne privat wie beruflich Genugtuung. „Als Kind habe ich meine Mutter in Stadien begleitet und gesehen, wie sie sich umschaute, während alle sangen. Sie lächelte höflich, wusste aber nicht, wann sie einsteigen sollte. Heute kann sie die Bewegungen mitmachen und endlich Teil des Chors sein.“ Woods’ Fazit klingt wie ein Satz, der künftig in den Vereinssatzungen stehen könnte: Fußball ist nur dann wirklich laut, wenn niemand ausgeschlossen wird.
