Lindsey vonn packt aus: „ich schrie wie im horrorfilm“
Sechs Wochen nach dem
Absturz, der ihre Wade in eine fleischige Zange verwandelte, redet Lindsey Vonn erstmals ohne Filter. Die 41-Jährige beschreibt Minuten, in denen selbst Fentanyl versagte, ein Team von Notärzten mit Tourniquets um sie herum wirkte – und ihr Gedächtnis sich Bilder einprägte, die sie nachts noch hochschrecken lassen.„Hot dogs auf dem grill“ – so fühlte sich ihr bein an
Die Diagnose klingt wie aus einem Lehrbuch für Katastrophenmedizin: Kompartmentsyndrom. Der Druck im Unterschenkel steigt, bis Blut und Nerven abreißen. US-Teamarzt Tom Hackett schmettert jede Hoffnung auf eine harmlose Episode. „Das Gewebe schwillt an, bis die Durchblutung wie ein Gartenschlauch abgequetscht wird“, sagt er und greift nach der plakativsten Metapher, die ihm einfällt: „Hot Dogs auf dem Grill.“ Wenn man die Haut nicht öffnet, platzt sie – oder das Bein stirbt.
Die erste Not-OP rettet das Bein, kann die Schmerzen aber nicht stoppen. Vonn liegt in einem CT, das Metall kühlt, doch in ihrem Knochen brodelt es. „Ich habe meine Stimme verloren, so laut habe ich gebrüllt“, erzählt sie. Die Ärzte pumpen Fentanyl, Morphin, Oxycodon – alles ohne Wirkung. „Mein Körper schien das Zeitfenster für Schmerzlinderung einfach geschlossen zu haben.“

Vierte operation, neue heimat
Nach dem Medizinflug nach Salt Lake City folgt die vierte Operation. Stahlplatten, Schrauben, ein Netz aus Titan. Dann kommt das, was sie selbst „Phase zwei“ nennt: ein Anwesen in Park City, Utah, das sich plötzlich wie eine Reha-Klinik anfühlt. Krankengymnastik drei Mal täglich, Eisbecken statt Whirlpool, ein Tablet voller Termine. Ihr größter Konkurrent ist nicht die Uhr – es ist das Gedächtnis ihrer Nerven.
Zwischen den Sätzen fällt immer wieder ein Name: ihre Mutter, 2013 an ALS gestorben. Vonn spricht mit ihr, wenn niemand im Raum ist. „Ich weiß, wie stolz du wärst“, sagt sie laut. Es klingt nicht nach Therapie, sondern nach Kommando.

Comeback? die antwort ist ein offener hang
Die Frage nach einem Comeback stellt sich ihr nicht, sie stellt sich selbst. „Ich lasse keine Tür zu, weil ich selbst nicht weiß, wer ich in vier Jahren bin.“ Das klingt nach PR-Sprech, ist aber purer Vonn: Sie fuhr mit gebrochenem Arm Weltcup, gewann mit Gehirnerschütterung Olympia-Gold. Warum also nicht mit einem Bein voller Metall? Sie lacht, doch der Ton ist scharf wie Kante. „Vielleicht habe ich zwei Kinder und vermisse den Startschuss. Vielleicht lebe ich in München und trainiere vor dem Frühstück.“
Die Skisaison 2025/26 beginnt in Sölden am 26. Oktober. Vonn wird nicht am Start stehen, aber sie wird dabei sein – als Zuschauerin, Analystin oder als jemand, die einfach nur die kühle Luft in 3 000 Metern testet. Ihr Bein trägt noch die Narbe in Form eines umgedrehten L. Sie nennt sie „Lächeln“, weil sie irgendwann wieder bergab gehen wird.
