Krol packt aus: 42-stunden-reise, fischgeruch und die erste italienische liebe
Ruud Krol schmunzelt, wenn er an sein Debüt in der Serie A denkt. „Ich brüllte ‚Blumen, Blumen!‘, um die Abseitsfalle zu schärfen – keiner kapierte, was ich wollte.“ 77 Jahre juckt das den Altmeister nicht mehr, aber die Geschichte flutscht ihm noch heute so leicht über die Lippen wie ein Diagonalpass auf links.
Der Niederländer mit dem sechsten Sinn für Positionsspiel blickt zurück auf jene Tage, als er nach 42 Stunden Flug von Vancouver nach Neapel taumelte, im Hotel Excelsior einfiel und am selben Abend trotzdem vorgestellt wurde. „Ich wollte nur schlafen. Stattdessen hielt ich die Laterne für eine Stadt, die mich mit offenen Armen und fischigen Händen empfing.“
Mergellina, der duft von anchovis und ein umarmungstrauma
Die Fischer von Mergellina machten ihn in Windeseile zum Ehren-Napoletaner. „Sie rochen wie der Hafen selbst, aber ihre Herzen rochen nach Sonne“, sagt Krol. Vier Monate brauchte er, um in Posillipo eine Wohnung zu finden, doch die Stadt hatte ihn schon nach vier Minuten adoptiert.
Sprachbarrieren? Halb so wild. Der Ex-Ajax-Kapitän bestellte sich nach dem Ascoli-Spiel einen Italienischlehrer. Erst die Fußballvokabeln, dann die Liebe. „Fiori“ wurde zum Running Gag, doch die Kollegen lernten schnell: Wer mit Krol spielt, läuft nie allein.

Cruijff war sein lehrmeister, rivera seine initialzündung
1961 saß ein zwölfjähriger Junge mit seinem Vater im San-Siro. Gianni Rivera debütierte, der Knabe schwor sich: „Ich will hier spielen.“ Dreizehn Jahre später trat er gegen eben jenen Rivera an – Traum erfüllt. „Rivera hat mich krank gemacht mit seinen Passstafetten, aber er hat mich hungriger gemacht“, lacht Krol.
Johan Cruijff wiederholte das Kunststück auf dem Trainingsplatz. „Johan war ein Trainer mit Turbinen im Kopf. Er ließ mich links außen trainieren, bis mein linker Fuß keine Ausrede mehr kannte.“ Die Rückbank aus Mühren und Keizer musste dran glauben. „Wir stritten uns, wir schwitzten, wir siegten – das war Ajax pur.“

Zwölf scudetti in orange, zwei meister in blau
Mit 16 Trophäen verließ Krol Amsterdam, um in Neapel Geschichte zu schreiben. Die Azzurri waren damals ein Projekt, kein Imperium. „Wir waren jung, wir waren laut, wir wollten nach vorn. Catenaccio? Für mich ein Schimpfwort.“
Heute schaut er auf zwei neapolitanische Meisterschaften, die er als Zuschauer genoss. Spalletti oder Conte? „Spalletti. Ballbesitz, Pressing, Sonne statt Beton. So spielten wir damals, so will ich das heute sehen.“
Krol lebt, wo das Thermometer nie unter 18 Grad fällt. „Ich brauche Sonne wie ein Torhüter seine Handschuhe.“ Trainerjob in Italien? Kam nie infrage. „Ich rette lieber Clubs mit Geschichte und Meer – Belgien, Schweiz, Tunesien. Die italianische Küche hole ich mir nach Hause, aber mein Kaffee schmeckt nur unter Palmen.“

De roon, dumfries, malen – der general checkt seine truppen
Von Oranje hält er sich auf dem Laufenden. „De Roon denkt schneller als sein Schatten, Dumfries findet zurück zur Power, und Malen überrascht durch die Mitte – das kann gefährlich werden.“ Sein Urteil zählt noch immer. Schließlich baute er das Spiel schon, als mancher Aktueller noch im Sandkasten kickte.
Neapel? „Verletzungspech, klar. Aber niemand rutscht unter Rang vier – das ist Charakter. Mit einem gesünderen Kader wird diese Mannschaft wieder jagen, nicht nur laufen.“
Krol steht auf, streckt die 77-Jährigen Knochen. Draußen scheint die Sonne, irgendwo rollt ein Ball. „Ich brauche nur das – und ein bisschen Fischgeruch im Wind. Dann bin ich wieder 25 und rufe ‚Fiori!‘“
