Von wasser zu schnee: giuseppe romele schreibt paralympics-geschichte

Giuseppe Romele sitzt nicht – er fliegt. Auf Schneekufen statt Beinen jagt der 34-jährige Italiener durch die Loipe, schraubt sich mit den Stöcken in eine Geschwindigkeit, die selbst Zuschauer ohne Handicap aus der Puste bringt. Drei Monate nach seinem Paralympics-Debüt im Triathlon von Paris steht er jetzt in Milano-Cortina wieder auf Ski – und das mit Medaillenchancen.

Die wende kam auf dem wasser

Romele wurde mit einer bilateralen Femurhypoplasie geboren, einem seltenen Fehlbildungsbefund, der beide Oberschenkelknochen verkümmert ließ. Die ersten Meter bewegte er sich im Schwimmbecken, nicht auf der Matte. Mit vierzehn Jahren krönte sich der Junge aus der Val Camonica zum italienischen Meister über 50 Meter Freistil. „Im Wasser zählt nur der Rhythmus der Arme, nicht die Länge der Beine“, sagt er rückblickend. Die Nicht-Nominierung für Rio 2016 schlug ein wie ein Faustschlag ins Wasser. Statt aufzugeben, wechselte er einfach das Element.

Cristian Toninelli, heute sein Nationalteam-Kollege, lockte ihn 2017 auf die Loipe. Innerhalb von zwei Wintern fuhr Romeel vom Hobby-Hasen zum Weltklasse-Sitzer. Bronze über zehn Kilometer in Peking 2022 war der Lohn. „Auf dem Ski spüre ich Schwerelosigkeit, ich gleite wie auf Wolken“, beschreibt er das Adrenalin. Der Satz klingt nach Gedicht, ist aber pure Biomechanik: Mit 0,3 Sekunden Vorsprung pro Doppelpole schaltet er zwischen 42 und 45 Stöcke pro Minute – eine Frequenz, die selbst stehende Langläufer selten halten.

Doppelsportler mit turbo-modus

Doppelsportler mit turbo-modus

Statt sich auf eine Disziplin zu versteifen, baute Romele ein Hybrid-Programm. Handbike, Rollstuhlsprint und offenes Wasser – der Paratriathlon wurde zur zweiten Liebe. In Paris beendete er den 750-Meter-Schwimmabschnitt als Elfter, wechselte auf die Handbike-Station und raste mit 42 km/h Durchschnitt über die Asphalt-Runde. Platz 14 im Gesamtklassement, aber ein mentaler Sieg: „Sportarten mit Widerstand schärfen den Charakter“, lautet seine Devise. Das Motto „Mai pora“ – niemals Angst – prangt auf seinem Helm wie eine Kampfansage an alle Regenbogen-Prognosen.

Das Zeitmanagement ist seine echte Leistung. Zwischen Schneechampionat und Triathlon-Weltcup absolvierte er 290 Trainingstage im Jahr, verteilt auf drei Sportarten. Die Daten: 1.180 Stunden Gesamtvolumen, 4.200 Kilometer Rollstrecke, 190 Höhenkilometer auf Ski. Ein Fitness-Tracker würde vor Erschöpfung flammen, Romele lacht nur: „Mein Körper ist ein Dieselmotor, er braucht lange, bis er warm ist, dann läuft er durch.“

Die macht der familie

Die macht der familie

Hinter dem Athleten steht eine Frau, die keine Sekunde zögert, wenn es darum geht, Schnee von der Startrampe zu schaufeln. Nadia, Lebensgefährtin und Teilzeit-Mechanikerin, passt Sitzschale und Ski-Bindung in Perfektion an. „Sie gibt mir die nötige Ruhe, damit ich auf der Loipe die Unruhe ausleben kann“, schwärmt Romele. Oma Rosa sorgt für das mentale Polster: „Sie hat mir beigebracht, dass Dankbarkeit schneller läuft als jede Klage.“

Am Sonntag geht es über 20 Kilometer. Gegner Nummer eins heißt Iwan Golubkow, der Russe, der wegen des Ausschlusses 2022 fehlte und nun zurückkehrt. Romele schätzt ihn: „Er ist ein Athlet wie wir alle, der Sport soll verbinden, nicht spalten.“ Die Zeitmarke: Unter 52 Minuten auf der runden Strecke in Cortina winkt eine Medaille. Statistisch liegt seine Bestzeit bei 50:58 – ein Vorsprung von 45 Sekunden auf Platz vier. Die Prognose: Wenn der Schnee kalt bleibt und die Temperaturen unter minus fünf fallen, dürfte seine Sitzposition den entscheidenden Aerodynamik-Vorteil bringen. Dann fliegt er wieder – und zwar aufs Podest.

Die Paralympics verlieren nie an Relevanz, weil Athleten wie Romele das Narrativ von Defizit und Leistung neu schreiben. Seine Geschichte ist kein Aufruf zum Mitgefühl, sondern ein Beweis: Wer sich selbst treibt, braucht keine Beine, um über sich hinauszuwachsen.