Kreuzband-trümmer statt champions-league-traum: emre can fällt komplett

Der BVB hat seinen Kapitän verloren – und damit jede Hoffnung auf eine sportliche Wende in dieser Saison. Emre Can zog sich im Topspiel gegen Bayern München einen Kreuzbandriss im linken Knie zu, fällt für den Rest der Spielzeit aus und wird den Klub im Sommer ohne neues Vertragsangebot verlassen. Die Diagnose kam am Sonntagnachmittag, doch das Signal hatte das Stadion schon Samstagabend gesendet: Can humpelte auf Krücken Richtung Ausgang, die Binde lag im Kabinengang.

Der moment, der alles zerbröselte

39. Minute, 1:1-Zwischenstand, Hitze im Kopf. Zweikampf mit Konrad Laimer, Can bleibt liegen, das Gesicht zur Westfalenkurve verzerrt. Er rollt sich einmal, zweimal, krallt sich ins Gras. Die Kapitänsbinde wandert an Marcel Sabitzer, Can steht trotzdem wieder auf – ein letzter Biss, der ihm jetzt monatelange Reha beschert. Unmittelbar vor dem Pausenpfiff bricht er dann doch zusammen, Faust gegen die Stirn, Blick leer. Im Seitentunnel angekommen schlägt er mit der Hand gegen die Wand, so laut, dass es die Kameraleute im Keller akustisch einfangen.

Der 32-Jährige hatte gerade erst sein Comeback gefeiert – fünf Spiele Adduktorenpech, dann das 1:4 gegen Atalanta, das die Champions-League-Teilnahme begrub. Jetzt die nächste Katastrophe. Borussia Dortmund bestätigte den vorderen Kreuzbandriss und sprach von „mehreren Monaten“ Pause. Die Saison ist für ihn gelaufen, der Vertrag läuft aus. Keine Verhandlungen, keine Geste, kein Abschiedsspiel. Can wird die Schwarz-Gelbe Karriere mit einem Kreuzband in der Handtasche beenden.

Wie der bvb ohne seinen mittelfeld-general weitermacht

Wie der bvb ohne seinen mittelfeld-general weitermacht

Trainer Nuri Şahin verliert mit Can nicht nur einen Abräumer, sondern den einzigen Feldspieler, der in dieser Truppe noch echte Autorität besitzt. Salih Özcan und Felix Nmecha sind Rohdiamanten, aber keine Führungsfiguren. In den nächsten Wochen wird Şahin wohl wieder auf das Doppel-Six-System mit Sabitzer und Can-Vertreter Łukasz Piszczek zurückgreifen müssen – ein Name, der bei den Fans für Wehmut sorgt, weil er inzwischen 38 Jahre alt ist und nur noch im Notfall springt. Die sportliche Leitung um Sebastian Kehl schweigt bislang zu möglichen Winter-Transferaktivitäten, doch intern ist man sich einig: Ein Ersatz muss her, sonst droht der Eintritt in die untere Tabellenhälfte.

Die Fans reagieren mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut. Auf Twitter kursiert ein Video, das Can in der Kabine zeigt, wie er mit verbundenem Knie noch versucht, die Mannschaft vor dem zweiten Durchgang anzufeuern. Die Kommentare darunter: „Held ohne Happy End“ und „Typisch BVB – immer dann, wenn es brennt, verlieren wir das Feuerzeug.“ Die Wahrheit ist schmerzhafter: Mit dem Ausfall von Can verliert Dortmund nicht nur einen Spieler, sondern die letzte Instanz, die in der Lage ist, die Gemüter auf dem Platz zu beruhigen. Die Saison droht zum Spießrutenlauf zu werden.

Für Can selbst beginnt jetzt der härteste Kampf seiner Laufbahn. Er wird in den nächsten Tagen in München operiert, danach sechs Monate Reha. Sein Berater plant bereits Gespräche mit Klubs aus der Premier League, wo die körperliche Spielweise noch immer hoch im Kurs steht. Dortmund aber wird ihn voraussichtlich nur noch einmal sehen: an seinem 33. Geburtstag im Januar, wenn er im Stadion sitzt, das Bein gestützt, die Binde als Andenken im Blau-Gold-Beutel. Dann wird die Kurve skandieren: „Emre, danke!“ – und er wird winken, während der Verein weiterspielt, als wäre nichts gewesen. Die Bundesliga wartet nicht auf Tränen.