Kovac gesteht fehlentscheidung: „wir haben den falschen weg gewählt“
Niko Kovac spricht nach dem 1:4 gegen Bayern Klartext. Der BVB-Trainer wirft sich selbst und der Mannschaft eine falsche taktische Grundausrichtung vor – und liefert eine schonungslose Bilanz des Klassikers.
„Wir haben uns verzockt“
Kovac, sonst bedacht mit analytischem Spitzenton, räumt ein, dass seine Elf das Spiel schon in der ersten Viertelstunde verloren habe. „Wir wollten hoch stehen, Bayern aber nicht unter Druck setzen. Das war ein Geschenk.“ Die Folge: Ein frühes 0:2, zwei große Chancen für Musiala, ehe Dortmund überhaupt ins Spiel fand.
Die Zahlen sind gnadenlos. Bayern lief 31,4 km/h Sprinttempo im Mittel, der BVB nur 29,8. Die pressingresistenz der Münchner lag bei 87 % – ein Wert, den Kovac selbst als „außerhalb jeder Skala“ bezeichnet. „Wir haben die falsche Entscheidung getroffen“, sagt er und meint damit nicht nur die Aufstellung, sondern die gesamte Marschroute.

Der knackpunkt heißt kimmich
Was Kovac in der Kabine analysierte: Joshua Kimmich bekam 23 Ballaktionen in der ersten Halbzeit, davon 18 im halblinken Raum – genau dort, wo Dortmund eigentlich Sabitzer und Ryerson doppeln wollte. „Wir haben Kimmich nicht mal angepinkelt“, zitiert die BILD-Zone den Trainer. Der deutsche Nationalspieler spielte 47 Pässe in die Tiefe, 42 kamen an – ein Passquote von 89 % gegen den amtierenden Vizemeister.
Kovac’ Konsequenz: Ein Systemwechsel zur Pause, 3-5-2 statt 4-2-3-1. Doch der Zug war abgefahren. „Wenn du gegen Bayern 0:2 stehst, kannst du nicht mehr Fußball spielen, sondern nur noch rennen.“
Die Stimmen im Mixed-Zone-Gewusel sind einhellig. Mats Hummels spricht von „Kindergartenfehlern“, Emre Can zieht die Schulbildung der jungen Spieler in Zweifel. Nur der Trainer nimmt sich selbst aufs Korn. „Ich habe die Jungs in den sauren Apfel gebissen. Das war mein Job – und ich habe ihn schlecht gemacht.“
Nächste woche kommt leipzig – und mit ihm die wahrheit
Die Tabelle lügt nicht. Nach 24 Spieltagen hat der BVB neun Punkte Rückstand auf Platz eins, dazu das schlechteste Torverhältnis der Champions-League-Plätze. Kovac kassiert 7,3 Millionen Euro Jahresgehalt – und damit mehr als alle Trainer der Liga außer Nagelsmann. Die Anspruchslücke wird zum Problem.
Intern heißt es: Keine Panik, aber Konsequenzen. Sportdirektor Kehl hat Kovac bis zum Pokalhalbfinale (Anfang April) Zeit gegeben, „die DNA wieder sichtbar zu machen“. Gemeint ist: Pressing, Umschaltmoment, Rasenwuchten. Kovac selbst setzt auf Videoanalyse in Einzelgesprächen – 45 Minuten pro Spieler, 1.200 Szenen, 0,25 Sekunden pro Bild. „Wir schauen uns an, warum der Fuß im November noch da war und im März nicht mehr.“
Am Samstag empfangen die Schwarz-Gelben Leipzig. Die Sachsen haben die zweitbeste Auswärtsbilanz, verloren erst einmal in Rückrundenspielen. Kovac: „Wenn wir wieder so starten, wird das ein Nachmittag, nach dem niemand mehr Lust auf Fußball hat.“
Die Fans haben schon jetzt die Faxen dicke. Die Südkurve kündigt für die Partie eine 15-minütige Stille in der zweiten Halbzeit an – ein Protest gegen „die sportliche Leere“. Kovac weiß: Er steht mit dem Rücken zur Wand. „Ich habe den Jungs verdammt noch mal versprochen, dass wir uns wehren. Jetzt liegt es an mir, dieses Versprechen einzulösen.“
Um 18:30 Uhr in Leipzig wird sich zeigen, ob die Fehlentscheidung vom Klassiker eine Episode bleibt – oder der Anfang vom Ende.
