Kompany lässt den zweiten keeper 16 sein – und atalanta blutet

Ein Fünf-Tore-Polster, ein Warnstreik, ein 16-jähriger Torwart und ein Italiener, der Geschichte schreiben müsste, um nicht Geschichte zu sein. Das Champions-League-Achtelfinale FC Bayern gegen Atalanta Bergamo ist längst kein Fußballspiel mehr – es ist ein Schauspiel über die Frage, wie viel Risiko Erfolg erlaubt.

Vincent Kompany wird heute Abend in der Allianz Arena Leonard Prescott auf der Bank haben, einen Jugendlichen, der noch kein Pflichtspiel für die Amateure bestritten hat. Der Belgier sagt, „Kopfschütteln nützt nichts“, und meint damit den Befund für Sven Ulreich: Muskelbündelriss. Nach Neuer und Urbig ist Prescott die dritten Wahl – oder besser: die Notlösung. Dahinter steht nichts mehr als ein Trikot mit der Nummer 37 und die Hoffnung, dass Harry Kane weitermacht, was er seit 17 Heimspielen in der Champions League tut: treffen. 81 Minuten pro Tor lautet sein Allianz-Arena-Schnitt, die beste Quote eines eingewechselten Keepers ist zurzeit irrelevant.

Atalanta muss das unmögliche wagen – und hat dafür nur zwei argumente

Die erste heißt Mario Pašalić, 15 direkte Beteiligungen in der Königsklasse, Atalantas Allzeitrekord. Die zweite ist eine Statistik, die sich wie ein Bann liest: Noch nie schaffte ein Klub die Aufholjagd nach einem 1:6 im Hinspiel. Raffaele Palladino wird seine Mannschaft trotzdem nicht in die Schleusenkammer der Allianz Arena schicken, sondern mit einer Dreierkette aus Scalvini, Hien und Kablan auflaufen. Die Devise lautet: frühes Pressing, spätes Schamgefühl. Denn wer nichts zu verlieren hat, darf alles riskieren.

Die Bayern wiederum spielen nicht nur mit dem Ergebnis, sondern mit dem Tempo. 28 Tore in neun Spielen, 3,1 pro Partie – das ist kein Sturm, das ist ein Dauerfeuer. Und es gibt ein Muster: In den letzten zehn Pflichtspielen traf München immer nach der Pause. Wenn Atalanta also die Halbzeit übersteht, könnte die Psychose beginnen. Oder der Showdown.

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Während die U6 heute nur im Schritttempo zur Arena rollt, dampft in den Büros die nächste Transferstory: Leon Goretzka soll Juventus im Somme ablösefrei locken. Dreesen schweigt, Hoeneß plapst im Podcast, Kompany konzentriert sich. Das ist München in Reinkultur: Ein Klub, der gewinnt, während er sich selbst erzählt.

Ab 21 Uhr steht ein 16-Jähriger bereit, der vielleicht nie spielt, aber immer erzählen kann, dass er dabei war. Atalanta steht vor einem 1:6, das 1:0 reicht nicht, aber die erste halbe Stunde könnte reichen, um das Münchner Selbstvertrauen anzukratzen. Wer nach dem Hinspiel dachte, das Rückspiel sei eine Pflichtaufgabe, hat die Champions League nie verstanden. Hier zählt nur, wer den letzten Torschrei erträgt. Die Geschichte wartet auf ihren Helden – oder auf ihr nächstes Beispiel dafür, dass Fußball keine Mathematik ist, sondern Dramatik.