Koepfer kämpft sich zurück: der tag, an dem er fast aufgab

13 Monate ohne Match, ein Knie wie Glas und ein Gedanke, der sich jeden Morgen neu schleicht: „Was, wenn’s nicht mehr wird?“ Dominik Koepfer steht in der Halle von Tampa, schlägt vorsichtig zweimal die Woche Bälle – und spürt, wie das Knie sofort wieder anschlägt. Die Patellasehne brennt, die Karriere steht auf Messers Schneide.

Die zahlen, die ihn nachts wach werden lassen

Einmal am Tag überlegt er, das Handtuch zu werfen. „Einmal am Tag“ – das sagt er ohne Pathos, nur als Fakt. 31 Jahre, einst Rang 49, heute unsichtbar in der ATP-Liste. Der Achtelfinalist von Flushing Meadows 2019 weiß: Jede Woche, die verstreicht, schaufelt das Loch tiefer. Die deutsche Männerriege ohne ihn? Ein Zverev und dann – Leere. Davis-Cup-Chef Michael Kohlmann hält trotzdem die Treuhand: „Top-50-Potenzial, immer noch.“

Aber Potenzial zahlt keine Rechnungen. Koepfers Problem: Sein Körper liefert nie eine Absage, sondern nur Zwischenbögen. US Open 2023, achter Ballwechsel, Alcaraz dribbelt ihn, sein Fuß knickt – Bänder weg. Paris 2024, Ellbogen-Sehne gerissen. Jetzt das Knie. Drei Operationen in zwei Jahren, keine einzige Match-Minute.

Tampa versus schwarzwald: der alltag als gegner

Tampa versus schwarzwald: der alltag als gegner

Im Januar kehrte er zurück in seine US-Wahlheimat Tampa. Dort steht ein Kleiderschrank, ein Auto, eine Kaffeemaschine – Normalität als Medizin. 2025 lebte er aus dem Koffer, mal bei den Eltern im Schwarzwald, mal im Münchner Hotel, immer zwischen Physio-Terminen. „Wenn dein einziger Fixpunkt zwei Stunden Tapeziehen ist, dreht der Kopf durch“, sagt er. Die Routine in Florida lenkt, verhindert, dass jeder Schritt zum Gutachten wird.

Trotzdem: Punkte spielen ist kein Training, es ist ein Experiment. „Einmal habe ich Tiebreak gespielt – danach drei Tage Schmerz.“ Die Lösung klingt wie from Freizeit-Tennis: zweimal pro Woche leichte Schläge, kein Kraftkammer-Programm an diesen Tagen. Der frühere Leistungssportler wird zum Teilzeit-Arbeiter in seiner eigenen Zukunft.

Sandplatz als letzte bretter vor dem abgrund

Sandplatz als letzte bretter vor dem abgrund

Die Rettung soll der rote Belag werden. Mai, Sandplatz-Saison, geringe Stop-and-go-Belastung, weiche Landung. Koepfer träumt von einem Wildcard-Einsatz in München oder Genf – irgendwo, wo die Netzpflöcke noch nach Sommer riechen. Kohlmann nennt das Ziel „realistisch“, aber dahinter lauert das Stichwort: Wildcard. Ohne Ranking keine Startberechtigung, ohne Match kein Ranking. Der Teufelskreis aus Gips.

Parallel plant er schon das Leben danach: College-Coaching in den USA, vielleicht Talente vermitteln, die wie er einst mit 19 aus Furtwangen in die Welt flogen. Ein Master-Studium wartet, die Tennis-Bib ist geöffnet. Doch vorher will er noch einmal „die schönen Momente“: Ein Stadion, das Brummt, ein Match, der nach Tennis klingt und nicht nach Reha.

Die Uhr tickt. Jeden Tag ein neues Mini-Comeback in der Halle, jeden Abend die Frage, ob das Knie morgen mitmacht. Koepfer weiß: Irgendwann wird die Antwort Nein sein – nur nicht heute. Und solange der Schmerz nur einmal am Tag siegt, ist er noch immer im Spiel.