Knorr bricht sein schweigen: was er gislason wirklich zu sagen hat

Juri Knorr knallte die Worte in die Mikrofone, noch bevor das EM-Aus gegen Serbien richtig weh tat. „Natürlich brodelt es auf der Bank“, giftete der Spielmacher – ein Satz, der sofort als Attacke auf Bundestrainer Alfred Gislason gelesen wurde. Sechs Wochen später sitzt der 25-Jährige im Kicker-Interview und erzählt, warum er heute froh ist, dass er damals geplatzt ist.

Die Szene: 11. Januar, Gliwice. Deutschland verliert 25:29 gegen Serbien, muss um den Hauptrunden-Einzug zittern. Knorr kommt auf 13:59 Minuten – für einen Kreisläufer okay, für einen Weltklasse-Regisseur ein Affront. „Ich war sauer auf mich, auf die Situation, auf alles“, gibt er jetzt zu. „Aber ich war nie sauer auf Alfred.“

Gislasons antwort kam noch in der nacht

Statt Rundschlag gab es Rundumschlag. Knorr suchte das Gespräch, erwartete Eis, bekam Feuer. „Er hat mir nichts übel genommen, im Gegenteil“, schwärmt Knorr. „Er sagte: ‚Wenn du keinen Ehrgeiz hättest, wärst du der Falsche für uns.‘ Das war keine Retourkutsche, das war Führung.“

Die Worte wirken. Gegen Spanien schaltet Knorr drei Tage später auf Anspiel-Modus, liefert sieben Assists, trifft selbst dreimal. Deutschland gewinnt 29:25, der Knoten ist geplatzt. „Wir haben uns in der Kabine umarmt, das war der Moment, wo ich wusste: Der Alte hat uns wieder alle unter seinen Schirm gezogen“, sagt Torhüter David Späth, der im Doppel-Interview neben Knorr sitzt und dessen Rausbruch verteidigt. „Juri spricht, was andere denken. Das ist kein Bug, das ist ein Feature.“

Die Zahlen sprechen für sich: In den beiden folgenden Spielen steht Knorr 49 und 54 Minuten auf dem Feld, wirft neun Treffer, gibt 14 Tore auf. Deutschland landet am Ende auf Rang fünf – enttäuschend, aber nicht desaströs.

Die lehre: lautstärke nach innen, harmonie nach außen

Die lehre: lautstärke nach innen, harmonie nach außen

Knorr zieht Bilanz: „Ich habe gelernt, dass man seine Wut besser in der Kabine auslässt und nicht vor laufender Kamera. Aber ich habe auch gelernt, dass ein Trainer, der solche Momente aushält, ein Trainer ist, für den ich springe.“ Gislason selbst gibt sich gelassen: „Ich will Spieler, nicht Schafe. Wer nichts sagt, kann sich auch nicht weiterentwickeln.“

Die nächste Probe kommt am 19. März. In Dortmund empfängt Deutschland Ägypten, drei Tage später geht es in Bremen weiter. Gislason nominiert nahezu die EM-Besetzung, nur Nuancen will er verändern. Der Kern bleibt, der Streit ist Makulatur. Knorr lacht: „Wir wollen den letzten Sieg – und den nächsten auch.“

Die Fakten: Seit 2018 arbeiten Knorr und Gislason zusammen, 62 Länderspiele hat der Regisseur seither bestritten, 186 Tore geworfen, 322 vorbereitet. Die Balance zwischen Befehl und Befreiung steht. Und wenn es erneut brodelt? Dann eben hinter verschlossener Tür – aber brodeln wird es. Denn ohne Feuer kein Dampf, ohne Dampf kein Sieg.