Kiptoo lässt seinen eigenen hasen alt aussehen – und petros schreibt deutsche geschichte

Die 45. Auflage des Berliner Halbmarathons lieferte zwei Momente, die so absurd sind, dass sie das Drehbuch ablehnen würden. Andrea Kiptoo sprintet nach 59:11 Minuten durchs Brandenburger Tor – und direkt hinter ihm, als wäre das alles ein Insiderwitz, Dennis Kipkemoi. Der Mann, der eigentlich nur die ersten 15 Kilometer das Tempo vorgeben sollte, wurde Zweiter. Der „Pacemaker“ lief sich selbst den Rang ab.

Der tag, an dem der hasew den hund erwischte

Kipkemoi hatte den Job, Kiptoo bis Kilometer 15 bei Sub-3:00-Minuten-Runden zu halten. Dann war Schluss. Theorie. Praxis: Er spürte, dass die Beine noch frisch sind, hörte auf das Publikum am Kurfürstendamm und beschloss, einfach weiterzulaufen. „Ich habe nur an meine Familie gedacht und an die Startnummer, die ich behalten darf“, sagte er später, als hätte er einen Gebrauchtwagen gekauft und plötzlich einen Ferrari vor der Tür gestellt bekommen. Die offizielle Siegprämie von 10.000 Euro kann er kassieren – ob der Veranstalter ihm auch die Pacemaker-Pauschale aufschlägt, wird intern verhandelt.

Amanal Petros war der einzige, der dieses kenianische Schauspiel nicht komplett zur Farce verkommen ließ. Der 29-Jährige aus Hannover startete bewusst zurückhaltend, weil die 5 °C und der steife Ostwind jeden Fahrplan zerfetzten. Als er Kilometer 10 in 28:05 passierte, war er noch 23 Sekunden hinter seinem Europarekord-Halbmarathon-Tempo. Dann riss er die Brille ab – „Die beschlug, ich sah nichts“ – und legte eine 2:48-Minute-Runde hin. Die Zahl, die am Ende zählt: 59:22. Neuer deutscher Rekord. Neun Sekunden schneller als 2025. Und nur elf Sekunden langsamer als der Europarekord von 59:11, den der Brite Mo Farah 2015 aufstellte.

Warum dieses rennen die saison erst richtig öffnet

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Petros‘ Zeit ist kein Aprilscherz, sondern der Startschuss für einen Sommer, in dem er die 59er-Marke knacken will. Der Weltcup in Kopenhagen (Mai) und der Olympische Marathon (Juli) stehen auf dem Plan. „Ich weiß jetzt, dass ich auch bei Wind und Kälte unter eine Stunde kann“, sagte er. Die Botschaft an die Konkurrenz: Der Deutsche hat eine neue Gangart gefunden. Und sie ist schneller als je zuvor.

Bei den Frauen lief Äthiopiens Likina Amebaw mit 65:07 Minuten zur formelhaften Siegerin. Dahinter ein kenianisches Doppel – und Esther Pfeiffer aus Düsseldorf. Sie wurde Fünfte, schrubbte ihre Bestzeit auf 67:25. Drei Sekunden, die in der Läuferwelt zählen wie ein halbes Leben. „Ich bin kein Talent mehr, ich bin eine Zeitläuferin“, sagte sie, während sie noch atmete wie ein Dampfhammer. Die 31-Jährige hat sich für den Berlin-Marathon qualifiziert. Dort will sie erstmals unter 2:24 Stunden bleiben.

Die Bilanz des Sonntags: ein Sieger, der seinen eigenen Hasen schlägt, ein Rekordler, der fast nebenbei Geschichte schreibt, und eine Düsseldorferin, die ihre Karriere neu erfindet. Der Berliner Halbmarathon liefert seit 45 Jahren Geschichten. Diese war eine der verrücktesten – und eine der schnellsten.