Kiel stolpert, melsungen fliegt: deutsche viertelfinal-bilder könnten unterschiedlicher nicht sein
33:30 in Nasice – der THW Kiel kassiert drei Tore Vorsprung mit auf die Reise zurück an die Förde. 28:23 in Melsungen – die MT fegt den FC Porto aus der Halle und nimmt fünf Treffer Vorsprung mit in die Schlussrunde. Zwischen den beiden deutschen Vertretern liegen nach dem Hinspiel der European-League-Viertelfinals Welten – und vielleicht auch eine ganze Saison.
Landins rotz-karte wird zum katalysator für kiels kollaps
Was in der 2.000-Seelen-Halle in Kroatien passierte, war kein Ausrutscher – es war die Quintessenz eines halben Jahres. Filip Jichas Mannen fanden nie ins Spiel, verschossen sich in der ersten Viertelstunde ein 2:5-Loch, kassierten nach der Roten Karte gegen Magnus Landin (42.) den 27:30-Zwei-Tore-Rückstand und wirkten bis zum Schlusspfiff wie ein Kollektiv, das die eigenen Nerven nicht mehr trägt. 33 Gegentore gegen RK Nexe – so viele kassierte der THW in einem Europapokal-Spiel zuletzt vor vier Jahren. Die Defensive wackelte, das Kreisläufer-Duo Wiencek/Karacic lief zweimal hintereinander in Blockaden, und selbst Niklas Landin wirkte mit 9 Paraden auf 33 Würfe wie ein Torhüter, der die Wellen nicht mehr bändigen kann.
Die Zahlen sind gnadenlos: 62 % der Gegenstöße gingen ins Netz, nur 48 % der eigenen Angriffe endeten mit Torerfolg. „Wenn wir so weiterspielen, fliegen wir zu Recht raus“, sagte Jicha nach Abpfiff und klang dabei weniger wie ein Trainer, sondern wie ein Mann, der die Prognose für die Rückrunde bereits abgeschrieben hat.

Simic und die mt schreiben das märchen weiter
Während im Norden die Köpfe hängen, lacht in Hessen der Torhüter. Milan Simic war mit 14 Paraden die Mauer, vor der der FC Porto verzweifelte. Die MT Melsungen – Vorjahres-Achtelfinal-Aus gegen Sporting Lissabon – spielte in der ersten Halbzeit ein 12:8, das sich anfühlte wie 20:8. Die Portugiesen fanden kein Mittel gegen die 3-2-1-Abwehr von Michael Roth, die wie ein Korsett um die Kreisläufer wirkte. Und als Porto in der 48. Minute auf 21:22 herankroch, antwortete Julius Kühn mit einem Distanzkracher und dem anschließenden Siebenmeter – 26:21, Entscheidung.
Die MT trifft nun am 7. Mai in Porto auf einen Gegner, der in der heimischen Liga nur noch Theoretische Chancen auf die Meisterschaft hat. Die Stimmung? „Wir haben nichts zu verlieren, nur noch etwas zu gewinnen“, sagte Kühn und klang dabei wie ein Mann, der bereits das Ticket für Köln in der Tasche wähnt.

Flensburg gegen hannover: das duell, das die bundesliga spaltet
Am Mittwoch (20.45 Uhr, Dyn) komplettiert das rein deutsche Viertelfinale das Tableau. Die SG Flensburg-Handewitt – spielfrei am Wochenende, frisch, hungrig – empfängt den TSV Hannover-Burgdorf, der in der Liga gegen Balingen-Weilstetten noch einmal 60 Minuten Kraft tanken musste. Die Bilanz: 3 Siege in Serie für Flensburg, nur eins der letzten fünf Pflichtspiele für Hannover gewonnen. Doch der Pokal kennt kein Formblatt – und die Niedersachsen haben mit Kai Häfner und Morten Olsen zwei Rückraum-Schützen, die in der Flensburger-Arena schon öfter den Hauch von Unruhe verbreitet haben.
Die Ausgangslage: Wer gewinnt, darf träumen. Wer verliert, muss in sieben Tagen eine Aufholjagd starten – und genau das könnte für Kiel und Melsungen die entscheidende Rolle spielen. Denn während die einen noch einen Berg erklimmen müssen, haben die anderen bereits die Hälfte des Weges hinter sich – und den Rücken frei für den Sprint nach Köln.
Am Ende zählt nur ein Fakt: Wer zwei Mal gewinnt, fährt in den Final Four. Und wer am 7. Mai in Kiel, Porto oder Flensburg den K.o.-Schlag verpasst, kann die Saison abhaken – egal, wie sehr man sie bislang gefeiert hat.
